Wie die Citizen-App eine paranoide, profitable Zukunft erschafft
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Wie die Citizen-App eine paranoide, profitable Zukunft erschafft

Und um ehrlich zu sein, ich habe ein miserables Gefühl bei dieser Sache.
Wie die Citizen-App eine paranoide, profitable Zukunft erschafft

(You can find the english version here.)

Derzeit gewinnt in den USA eine neue Art von sozialer Plattform an Dynamik, die ich bis vor Kurzem überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Ich bin vielleicht nur ein einfacher Typ aus dem guten alten Europa, der hin und wieder Ideen und halb-gare Gedanken darüber veröffentlicht, wie wir dieses großartige soziale Experiment namens Zivilisation nicht vollständig gegen die Wand fahren. Und die meiste Zeit habe ich sehr sensible Filter für jede Neuentwicklung aus dem Bereich Social Media. Die kulturellen, digitalen und gesellschaftlichen Veränderungen in Amerika sind meistens ein guter Indikator dafür, was hierzulande mit leichter Verzögerung eintreten wird.

Und diese Neuentwicklung verursacht bei mir einige Magengeschwüre.

Nimm einfach jeden negativen sozialen Aspekt, den Alex Jones, Breitbart, Fox News und rechtspopulistische Hassreden in die Welt gebracht haben [1], multipliziere das mit 1 Million und du bekommst eine ungefähre Vorstellung davon, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, wenn dieses neue, angstbasierte Netzwerk wirklich an Fahrt gewinnt. Du hast es vielleicht schon selbst erraten.

Ja, wir sind erledigt.

Citizen ist eine App zur Meldung von Verbrechen, die eine Nutzerbasis von hypernervösen Kunden aufbaut. Citizen will sich zu einem „vertikal integrierten, 24-Stunden-Nachrichten- und Berichterstattungsnetzwerk für Verbrechen entwickeln, das durch das Angebot von ständigen Benachrichtigungen, Live-Medien und Premium-Schutzdiensten (…) hofft, die Ängste einer verunsicherten Öffentlichkeit zu monetarisieren.“ Das Netzwerk baut an einer paranoiden, profitablen Zukunft.

Und das zugrundeliegende Monetarisierungsmodell ist das, was mir am meisten Sorgen bereitet.

„Die App war fast von Anfang an berüchtigt. Auf Citizen, das vor allem Mitteilungen aus Polizeiscannern, Nutzermeldungen und anderen Quellen verbreitet, kann man das Gefühl haben, dass ständig Gefahr lauert, von Gewaltverbrechen über Brände bis hin zu explodierenden Gullydeckeln. Die App wurde angeblich entwickelt, um Sicherheit und Situationsbewusstsein zu fördern, aber sie schafft etwas anderes: Paranoia und Unsicherheit.“

„Für den Menschen, der sich fürchtet, raschelt es überall.“ — Sophokles

Verglichen mit dem sozialen Netzwerkriesen Facebook, der im ersten Quartal 2021 2,8 Milliarden aktive Nutzer erreichte, ist Citizens Nutzerbasis vernachlässigbar. Aber denkt mal kurz darüber nach: Was würde passieren, wenn das Citizen-Netzwerk weiterhin expandiert? Auch, wenn es nur auf ein Tausendstel der aktiven Facebook-Benutzer käme, die sozialen Auswirkungen dürften verheerend sein.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Annähernd 3 Millionen selbsternannte Verbrechensbekämpfer streifen durch die Städte und Nachbarschaften, angetrieben von einer toxischen Mischung aus FoMO und der Hoffnung, ihre privaten Ermittlungen durch eine möglichst große Reichweite und einen ständigen Strom aufmerksamkeitsstarker „Kriminalgeschichten“ in Geld zu verwandeln. Ob diese Nachrichten richtig oder falsch sind, ist zweitrangig. Genauso wie die Ressentiments, die gegen Randgruppen und gesellschaftlich bereits stigmatisierte Teile der Bevölkerung geschürt werden.

„Oh, siehst du die schwarze Person da drüben? Ich kenne sein Gesicht nicht. Gehört er überhaupt in diese Nachbarschaft? Er sieht verdächtig aus, vielleicht heckt er gerade etwas aus? Da MUSS etwas dran sein! Lass ihn uns jagen!“

Glücklicherweise ist noch niemand durch die Ermittlungen, die von dieser Plattform ausgingen zu Tode gekommen. Aber es wäre fast passiert.

Warte, das kommt mir irgendwie bekannt vor

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und ich komme nicht drumherum eine Verbindung zur Vergangenheit zu sehen: die Machenschaften der Gestapo und der Stasi.

Beides waren staatliche Einrichtungen, die für die Kontrolle und Überwachung der Bürger zuständig waren. Jeder, der sich in dieser Zeit in der Öffentlichkeit systemkritisch äußerte oder nur den Verdacht ausstrahlte, irgendwas Falsches zu denken oder auszuhecken verschwand in den Foltergefängnissen dieser Dienste. Das Perfide am System der Überwachungsdienste war das Spitzel–Netzwerk, das sie betrieben. Jeder Bürger konnte — und manche wurden durch Erpressung gezwungen — bei der Überwachung seiner Mitmenschen mitzuhelfen. Erfolgreiche, systemtreue Informanten wurden mit diversen Bonis belohnt, sie wurden in ihrem Job befördert oder wurden in der Warteliste beim Autokauf vorgezogen (was in der ehemaligen DDR bis zu 15 Jahre dauern konnte). Somit stand jeder Bürger im Verdacht, selbst ein Spitzel zu sein. Dieser Teil der Geschichte unseres Landes war ein Abschnitt voll unterschwelliger Angst und permanenten Misstrauens, selbst gegenüber den Angehörigen der eigenen Familie, Freunde oder Ehepartners.

Versucht man Vergleiche mit vergangenen Ereignissen oder gar Parallelen zu ziehen, bewegt man sich schnell auf sehr dünnem Eis — der Kontext darf niemals außer Acht gelassen werden. Diese zwei ehemaligen Deutschen Behörden kann man natürlich nicht direkt mit dem vergleichen, was die App Citizen macht oder eines Tages machen könnte. Was ich damit zeigen will, sind zwei Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit dieses Landes, mit deren Hilfe sich die Auswirkungen eines Überwachungssystems veranschaulichen lassen, dem große Teile der Bevölkerung angehören.

Unsere heutige Gesellschaft ist in eine Phase eingetreten, die in der Geschichte der Menschheit beispiellos ist. Eine Handvoll privater Unternehmen besitzt die Macht, den gesellschaftlichen Diskurs und die soziokulturelle Entwicklung der Menschen nicht nur innerhalb eines Landes, sondern auf globaler Ebene zu lenken und zu manipulieren. Und es hat sich bereits mehrfach gezeigt, dass das ständige Trommelfeuer der angstbasierten, Adrenalin fördernden Medien einen sehr realen und hässlichen Einfluss auf die Lebensumstände der Menschen haben kann.

Meiner Meinung nach sind wir an einem Punkt angelangt, an dem diese Netzwerke Verantwortung übernehmen müssen. Oder sie zur Verantwortung gezwungen werden. Kann das eine digitale Version des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag sein? Vielleicht. Leider ist der Wirkungsbereich dieser Institution auch heute noch nicht ausreichend.

Daher habe ich drei Ideen, wie man mit diesem kommenden Albtraum umgehen kann. Fühl dich frei, deine eigenen Gedanken und Ideen mitzuteilen, was eine angemessene Reaktion auf ein Netzwerk wie Citizen sein könnte.

1. Ändere das Monetarisierungsmodell.

Ich bin der Überzeugung, dass das Monetarisierungsmodell, welches den meisten populären sozialen Plattformen zugrunde liegt der eigentliche Systemfehler ist. Die selbständige KI, der gerne die komplette Schuld gegeben wird und die im Hintergrund an der Zusammenstellung unserer Timelines arbeitet, ist nur ein Symptomverstärker. Sie arbeitet nach Parametern, die wir ihr vorgeben. Ein Bestandteil des Geschäftsmodells von Unternehmen wie Facebook und Twitter ist es, die Aufmerksamkeit der Menschen an Werbetreibende zu verkaufen, sprich, Lebenszeit gegen Geld (Facebooks PR-Abteilung nannte das euphemistisch „time well spent“, also eine sinnvoll investierte Zeit).

Je besser ein Unternehmen darin ist, die Aufmerksamkeit seiner User zu bündeln und zu aktivieren, desto höher sind seine Werbeeinnahmen. Doch was wäre, wenn man den Spieß einfach mal umdrehen würde? Warum kann denn nicht ICH als Benutzer einer Plattform dafür bezahlt werden, wenn ich MEINE Aufmerksamkeit und damit meine Lebenszeit für etwas hergebe? Unvorstellbar?

Oder, um bei dem Beispiel von Citizen zu bleiben, wäre es nicht sinnvoller, wenn nicht derjenige „belohnt“ wird, der die meisten Stories und Meldungen veröffentlicht und damit die größte Reichweite erzielt, sondern derjenige, der wirklich zum Abschluss von Verbrechenstaten beigetragen hat? Nur so ein Gedanke.

2. Reagiere mit einem Gegen-Netzwerk.

OK vielleicht bin ich jetzt ein wenig naiv, aber ich will immer noch daran glauben, dass das beste Mittel gegen Desinformation eine breit gestreute Gegeninformation ist. Der Trick ist, mit genügend kritischen und sachlich fundierten Gegenargumenten zu einem Sachverhalt in den Köpfen der Menschen zu landen, also genau die Netzwerkeffekte zu nutzen, deren negative Form weltweit dazu beitragen, die Demokratien dieser Welt zu unterminieren. Wie man das anstellt? Keine Ahnung. Wer bestimmt die Auswahl der Gegenthemen? Ich weiß es nicht. Vielleicht funktioniert es auch gar nicht.

Wie gesagt, vielleicht denke ich zu naiv. Wenn der offene Markt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage reguliert, dann setzen sich immer die Inhalte durch, die eine höhere Gruppenakzeptanz erreichen. Reduzierte mentale Modelle und extremistische Glaubensmotive sind einfacher zu übernehmen als die Realität, die meistens etwas differenzierter, vielschichtiger und nicht immer ganz so eindeutig ist (und die auch manchmal einfach nur langweilig ist).

Menschen haben ausserdem eine unersättliche Lust nach Unterhaltung und „guten Geschichten“, die starke Emotionen auslösen, seien sie unterfüttert mit Angst oder Begeisterung. Die Realität, so wahr sie auch manchmal ist, ist meistens eine ziemlich banale Angelegenheit.

Eine kritische, gut informierte Gegenöffentlichkeit kann ein hervorragendes Werkzeug gegen die derzeitige Demontage unserer Grundwerte sein. Und ich spreche nicht von Schule oder Erziehung oder Bildung. Ich spreche von den von uns vorgelebten Bildern, vom direkten Kontakt und Dialog mit Menschen. Ich spreche vom selbst denken, von der Fähigkeit, andere Meinungen zuzulassen und auszuhalten. Ich spreche von der inneren Haltung des grundsätzlichen Wohlwollens. Ich spreche von unser aller Verhalten.

3. Schalte es ab!

Ich bin wirklich so ziemlich der letzte Mensch, der Zensurmaßnahmen gutheißt, aber es gibt gute Gründe als tolerante Gesellschaft, die Intoleranz nicht zu akzeptieren. Wenn all diese Vorschläge nicht Anreiz genug sind, dann müssen wir wahrscheinlich thermonuklear vorgehen und diese Netzwerke auslöschen.

Ernsthaft, es ist an der Zeit, das Spiel auf ein neues Level zu bringen. Ich schaue zu euch, Google und Apple, denn die Technologie und Infrastruktur zu entwickeln, dann eine endlose Liste mit 4-Punkt großen Nutzungsbedingungen darauf zu kleben, sich dann zurückzulehnen und zu sagen „Alles gut, der Markt regelt das schon“, das ist ungefähr so zeitgemäß wie der Einbau eines V12-Verbrennungsmotors in ein Stadt-SUV zum Anbeginn der vielleicht letzten Klimakatastrophe der menschlichen Zivilisation. Es ist an der Zeit, dass ihr, liebe Tech-Giganten, eure oberflächliche Naivität hinter euch lasst und euch eingesteht, dass ihr schon längst als politische Agitatoren handelt. Also, killt die Citizen App!

4. Nur für den Fall, dass nichts von dem oben genannten funktioniert.

Hi Elon, gibt es Neuigkeiten zu deiner Mars-Umsiedlungsstadt?

Leider wird es dann auch auf dem Mars Menschen geben und um ehrlich zu sein, unserem Planeten geht es eigentlich ganz gut.

Es sind die Menschen, die im Arsch sind!


  1. Würde man den Inhalt dieser Passage auf Deutschland übertragen, könnte man als Beispiele die Verschwörungsmystiker und Queerdenker, die Reichsbürgerbewegung, Attila Hildmann und Ken Jebsen, die AfD und die Werte-Union, die Bildzeitung und den selbst ernannten Journalist Boris Reitschuster anführen. Dieser Vergleich wäre in meinen Augen jedoch unzulänglich. Es gibt in Deutschland schlicht kein Pendant — oder zumindest ist mir keines bekannt — das diese angst- und gewaltbasierten Motive von amerikanischen Medien und Influencern ebenbürtig aufgreifen würde („If it bleeds, it leads.“). Darum sollen die in diesem Absatz aufgezählten Beispiele unverändert bleiben. ↩︎