Es gibt eine Theorie, die erklärt, wie Parkinson, Alzheimer, Autismus und Krebs zusammenhängen.
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Es gibt eine Theorie, die erklärt, wie Parkinson, Alzheimer, Autismus und Krebs zusammenhängen.

Es gibt eine Theorie, die erklärt, wie Parkinson, Alzheimer, Autismus und Krebs zusammenhängen.

Leider ist sie falsch.

Stell dir folgendes vor: Ein neuer Artikel steht kurz vor der Veröffentlichung. Er ist zu 99,9 % fertig, es fehlen nur ein paar kleine Details. Das tagelange Textgefeile hat ein Ende und der Lektor sucht bereits seine Sachen für den Feierabend zusammen. Doch in allerletzter Minute platzt die Bombe: Eine der wichtigsten Kernaussagen des Artikels erweist sich als falsch, er kann nicht veröffentlicht und muss komplett eingestampft werden.

Puh.

Das ist die wahrscheinlich schmerzhafteste Entscheidung, die ein Autor bei seiner Arbeit fällen muss und genau aus diesem Grund beschäftigt man sich lange mit der Hintergrundanalyse bei komplexen Themen. Man sucht nach Querverbindungen, redet mit Kollegen, Spezialisten, Freunden und manchmal auch am besten mit denjenigen, die komplett anderer Meinung sind. Eine gründliche Recherche dient dem Zweck, exakt solche Szenarien auszuräumen, damit keine Falschinformationen veröffentlicht werden. Letztendendes ist es jedoch immer ein Mensch an seiner Tastatur, der den Menschen auf der anderen Seite des Bildschirms etwas vermitteln möchte.

Vor drei Wochen tauchte in meiner Timeline ein Thema auf, das mich schlichtweg umhaute. Ohne es zu bemerken, beging ich den Fehler Nummer 1, den ein Autor machen kann: Er glaubt so sehr an seine kommende Story, dass er seine Sensoren so einstellt, damit er die richtigen Beweise dafür findet.

Die menschliche Psyche folgt hier einer einfachen Regel:

Was immer der Denker im Kopf denkt, wird der innere Beweisführer beweisen. Denken beinhaltet nach meiner Auffassung die Ratio, also durch Vernunft allgemeingültige Zusammenhänge durch Schlussfolgerungen zu erschließen. Darum möchte ich diese einfache Regel noch etwas verfeinern: Was immer du glaubst, wird dein innerer Beweisführer finden.

Glauben hat mit Vernunft nicht viel zu tun.

Glaubt man z. B. den Erzählungen der gegenwärtig sehr populären Zornpropheten, die durch die Bundesrepublik geistern, dass die politische Elite in Deutschland in Wirklichkeit ein blutsaufender Kinderschänderkult sei, der unter dem Pergamonmuseum in Berlin geheime Katakomben mit Verbindungen zum Reichstagsgebäude errichtet habe, dann geht man natürlich auch irgendwann hin zur Museumsinsel und demonstriert die Zerstörung des Pergamonaltars. Mit Denken oder Vernunft hat das dann aber nicht mehr viel zu tun. So etwas wird von einem fundamentalen Glauben verursacht.

Bei meiner Artikelrecherche zu eingangs erwähntem Thema war mein innerer Beweisführer eine launische Hündin. Ich ließ mich von ihr auf die falsche Fährte führen und – schlimmer noch – ließ sie von der Leine. Ich erkannte meinen Fehler jedoch rechtzeitig und brach die Veröffentlichung ab. Aus diesem Grund liest du jetzt anstelle eines Artikels, der die Zusammenhänge von chemischen Düngemitteln und Unkrautvernichtern mit so ziemlich jeder modernen Krankheit und Entwicklungsstörung in Verbindung bringen sollte, einen Artikel über einen Artikel, den es nicht gibt.


Mea culpa. 🤷🏼‍♂️

Das Thema, aus dem nichts wurde.

Auf dem YouTube–Kanal von After Skool werden kurze, von Hand gezeichnete Erklärvideos veröffentlicht, die verschiedene Themen aus Philosophie, Wissenschaft und Gesellschaft genauer unter die Lupe nehmen. Folgendes steht auf der Webseite der Macher:

„Wir suchen weit und breit, um die interessantesten Inhalte zu finden und diese Einsichten auf möglichst fesselnde Weise zu vermitteln. Das Ziel ist es, tiefgründige Ideen durch Kunst zu verstärken.“

Das ist ein nobles Ziel und ich bleibe auch weiterhin ein Fan dieser Videos. Besonders eine der letzten Animationen faszinierte mich und schon da hätte eine Warnlampe aufleuchten müssen. Sie handelt von der Zerstörung der Biosphäre, ein fundamental wichtiges Thema. Wie beeinflusst die industrielle Landwirtschaft unsere Umwelt und wie sind die rückwirkenden Effekte auf die menschliche Gesundheit?

Kurz gesagt: Durch massenhaftes Einbringen von Glyphosat, dem in Europa am häufigsten eingesetzten Unkrautvernichtungsmittel in den ökologischen Kreislauf verändern wir die Bausteine des Lebens auf zellulärer Ebene und provozieren damit Krankheiten und Entwicklungsstörungen wie Alzheimer, Parkinson, Autismus und Krebs. So lautet zumindest die Argumentation von Dr. med. Zach Bush in diesem Video. Die Belege, die dort aufgeführt werden, machten auf mich einen logischen und stimmigen Eindruck. Und nach einer kurzen Überprüfung seiner Person forschte ich nicht weiter. Ich glaubte der These. Und mein innerer Beweisführer glaubte daran.

„Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.“ — Albert Einstein

Natürlich ist es problematisch, dass die Menschheit wie geisteskrank Unmengen von Pestiziden, Düngemitteln und Plastik in den natürlichen Kreislauf einbringt und damit die eigene Lebensgrundlage zerstört. Natürlich ist es problematisch, dass Konzerne wie Monsanto oder Nestlé diesen Kreislauf mit rein wirtschaftlich motivierten Entscheidungen unterstützen, während sie die Gewinne einfahren und  gleichzeitig die Menschen ausschliessen, welche die Konsequenzen tragen müssen.

Es gibt bei der Sache allerdings zwei Probleme. Erstens: Recherchiert man genauer, so findet man natürlich genügend Studien, die den negativen Einfluss von Glyphosat auf das Ökosystem belegen. Es gibt aber keinen wissenschaftlich belegten Zusammenhang zwischen Glyphosat und der Entstehung von Autismus. Zweitens: Zach Bush wirbt auf seiner Internetseite mit Produkten, die die Auswirkungen dieses Giftes auf den menschlichen Organismus minimieren sollen. Doch auch für diesen postulierten Effekt gibt es keinen wissenschaftlich belastbaren Beweis, ausser dem, dass die Produkte „die Nieren nicht belasten“. Bush muss sich daher den Vorwurf gefallen lassen, dass sich sein Handeln an einem alten Marketing-Credo orientiert:

Schaffe ein Problem. Dann biete die Lösung an.

Fader Beigeschmack also. Oder nicht? Nun sitze ich zwischen den Stühlen, denn viele der von Bush angesprochenen Probleme sind real und dringend.

Wer ist überhaupt Zach Bush?

Dr. med Zach Bush ist spezialisiert auf Innere Medizin, Endokrinologie und Hospizpflege. Er ist der Gründer der Seraphic Group, einer Organisation, die sich der Entwicklung von ursächlichen Lösungen für die menschliche und ökologische Gesundheit in den Bereichen Big Farming, Big Pharma und der westlichen Medizin im Allgemeinen widmet.

Er ist auch der Gründer von Farmers Footprint, einer gemeinnützigen Koalition von Landwirten, Pädagogen, Ärzten, Wissenschaftlern und Wirtschaftsführern, die sich zum Ziel gesetzt hat, die schädlichen Auswirkungen der chemischen Landwirtschaft und der Abhängigkeit von Pestiziden auf Mensch und Umwelt aufzudecken und gleichzeitig einen Weg in die Zukunft durch regenerative landwirtschaftliche Praktiken anzubieten.

Bush engagiert sich also auch in anderen Projekten, die den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen fördern, was den faden Beigeschmack über seine Marketing-Strategie etwas abschwächt. Ich würde nicht so weit gehen, ihn als Hochstapler zu bezeichnen, sondern betrachte die Sache etwas differenzierter.

Es gibt keinen Beleg dafür, dass z. B. Glyphosat einer der Verursacher von Autismus ist. Dabei muss man noch nicht einmal über den Lobbyismus der Großkonzerne philosophieren oder darüber, dass Zusammenhänge sich als wahr herausstellen können, auch wenn bislang keine wissenschaftliche Arbeit darüber veröffentlicht wurde. All das macht nämlich die Tatsache, dass die jährlich ausgebrachte Menge dieses Unkrautvernichters gravierende negative Auswirkungen auf den komplexen ökologischen Kreislaufs des Planeten hat nicht falsch.

Die Produkte, die er bewirbt – und die man übrigens auch einfach nicht kaufen muss – besitzen vielleicht nur einen Placebo-Effekt. Das macht aber die Kritik an einer aus dem Ruder gelaufenen industriellen Landwirtschaft und deren ökologischen Langzeitfolgen nicht falsch.

Vielleicht darf einfach beides möglich sein. Bush hat eben ein bisschen Unrecht und ein bisschen Recht. Für mich persönlich wiegt der letztgenannte Teil mehr, aber das darf jeder für sich selbst entscheiden.

Diese Erfahrungen habe ich gemacht.

  1. Kritisch zu sein ist essenziell. Skeptisch zu sein ist essenziell. Doch blähender Skeptizismus verunmöglicht einen klaren Standpunkt. Verliere dich nicht in deinen Unsicherheiten und treffe deine Entscheidungen nicht in vollkommener Abhängigkeit von den Meinungen anderer.
  2. Überprüfe Folgendes: Weißt du wirklich das, was du denkst? Oder glaubst du nur, was du weißt? Beruht der Großteil deiner Argumentation auf glauben, geh noch mal zurück ans Reißbrett deiner ursprünglichen Idee. Du sparst dir eine Menge Arbeit. Und du tust der Menschheit damit einen großen Gefallen.
  3. Wenn du einem komplexen Thema nachspürst, in das du emotional sehr verwickelt bist, egal ob du Texte, Musik oder Videos produzierst, sei besonders wachsam, wenn dich etwas stark empört. Für diesen Fall benutze ich eine Methode, die ich Gedankenfluten nenne: Du versucht wieder einen neutralen Standpunkt zu finden, indem du alles, was dir zu deinem Thema im Kopf herumschwirrt und was dich beschäftigt ausdrückst. Schreib deine Gedanken in ein Journal oder in ein Dokument, auf das nur du Zugriff hast und das ausser dir sonst niemand sehen wird (das macht die Sache mit dem Fluten einfacher). Schmiere, kritzle, zeichne, singe, schneide – was auch immer. Und jetzt kommt der Trick. Bereit?
  4. Warte.
    Lass alles liegen, steh auf und schau dir die Wolken an, geh laufen oder schlafen oder ruf deine beste Freundin an. Mach, was auch immer dir hilft dich aus deinem Emotionsknäuel wieder zu ent-wickeln und was dir hilft deine Arbeit zu vergessen. Wenn du wieder zu deiner Arbeit zurückkommst, stelle dir folgende Fragen:
    • Was ist der eigentliche Grund, weshalb ich mich von dieser Sache so empört fühle? (z. B. Scham, Schuld, Erziehung, normatives Denken, etc.)
    • Stimmt das, was ich über einen Sachverhalt denke wirklich? Oder glaube ich nur, was ich weiß?
    • Sage ich mit dem, was ich geschaffen habe wirklich das aus, was ich empfinde?
  5. Wenn du unsicher bist: Drücke niemals, unter keinen Umständen, auch wenn es die letzten Minuten in deinem Leben sind sofort auf „Veröffentlichen“ oder „Senden“. Eine Idee ist wahrscheinlich das mächtigste Werkzeug in diesem Universum und ist sie erst mal draussen in der Welt und in den Hirnen anderer Menschen, besitzt du keine Macht mehr über sie (siehe: Memetik). Die beste Funktion beispielsweise bei Twitter ist meiner Meinung nach die „Als Entwurf speichern“–Funktion. Warum? 👉🏻 Punkt 4.
  6. Fehler zu machen ist OK. Bewerte sie nicht, sie sind weder gut noch schlecht. Fehler bieten aber immer die Möglichkeit an ihnen zu wachsen und sein Potenzial zu erweitern. Denselben Fehler immer wieder zu begehen ist dämlich. Andere Menschen an deinem Prozess des Fehlermachens teilhaben zu lassen, ist etwas, das unsere Spezies wahrscheinlich erst wirklich groß hat werden lassen. Teile deine Einsichten.

Nachtrag

Über viele Umwege stieß ich nach dem missglückten Artikelversuch auf das Handbuch zur Überprüfung von Desinformation und Medienmanipulation. Hätte ich es früher gebrauchen können? Vielleicht. Aber wer Umwege macht, hat mehr vom Weg.


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