Kinder im Bundestag sind auch eine Lösung

Eine kreative Vereinbarkeitsdebatte über Elternschaft und Beruf benötigt Sichtbarkeit. Fotos arbeitender Menschen mit Kind sind ein wichtiger Schritt.

Kinder im Bundestag sind auch eine Lösung
Photo by Alexander Dummer / Unsplash

Am vergangenen Montag nahm der Grünenpolitiker Anton Hofreiter am Ausschuss für Angelegenheiten der Europäischen Union teil — und sein Kind mit in den Bundestag. Ein Foto der Übertragung aus dem Parlamentsfernsehen drehte kurze Zeit später auf Twitter seine Kreise.

In dem Kommentar von Caroline RosalesKinder im Bundestag sind auch keine Lösung.” (Zugang nur für Zeit-Abonnenten) wird der Selbstinszenierungsverdacht von Vaterschaft, mehr oder weniger, ausgeschlossen. Die Autorin erachtet die Handlung des Politikers allerdings als nicht hilfreich für die Vereinbarkeitsdebatte rund um Familie und Arbeit. Ein weiteres Argument kann ich nachvollziehen, auch wenn ich nicht mit ihm übereinstimme.

Das im Internet schnell verbreite Foto von Hofreiter mitsamt Politikersohn sei ein Problem, denn…

“(…) letztendlich muss es für viele normale Arbeitnehmer, ob für den Busfahrer, die Polizistin, die Teilzeit arbeitende Alleinerziehende, den Mitarbeiter im Außendienst, der seine Kinder nur an den Wochenenden sieht, wie ein Schlag ins Gesicht wirken. Einfach weil es eine Möglichkeit von Vereinbarkeit aufzeigt, die es für sie schlicht nicht gibt. Das Bild von Hofreiters Sohn im Bundestag enthält gerade für weniger gut verdienende Personen die Botschaft, dass es doch möglich ist, Arbeit und Familie unter einen Hut (oder auf dasselbe Foto) zu bringen: Selbst schuld, wenn ihr es nicht hinkriegt.”

Das kann man so sehen, wenn man es möchte, lenkt jedoch witzigerweise selbst von der eigentlichen Debatte ab und reduziert die Sache auf das reine Abarbeiten an persönlichen Befindlichkeiten. “Toll, wenn der Hofreiter das kann, aber ich kann das nicht.“

Darum geht es hier allerdings nicht.

Natürlich gibt es berufliche Sparten, in denen die Vereinbarkeit von Elternschaft und Arbeit schlicht unmöglich ist. Natürlich hat die Autorin mit einem anderen Argument vollkommen recht: “Wer arbeitet und sein Kind betreut, kann beides nur mit geteilter Aufmerksamkeit”. Für einige Berufe wäre das eine Totalkatastrophe. Auch die monetär bedingten Zweifel können ein Thema sein.

Bei dem Foto von Anton Hofreiter mit seinem Sohn im Bundestag geht es jedoch vielmehr um die übergeordnete Bedeutung — die Häufigkeit, mit der diese Fotos von Eltern mit ihren Kindern in der Arbeit vermehrt in der Öffentlichkeit auftauchen; um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass so etwas überhaupt möglich, überhaupt denkbar ist. Für viele Menschen ist dies ein Szenario, das nach wie vor komplett unvorstellbar ist. Je sichtbarer das Thema wird und je häufiger wir damit konfrontiert werden, desto größer wird die Selbstverständlichkeit, mit der wir damit umgehen. Leider geht damit nicht automatisch die Akzeptanz in der Gesellschaft für die Vereinbarkeit von Elternschaft und Arbeit einher.

Dafür müssen etablierte Glaubenskonzepte hinterfragt und den Menschen mit ihren Vorbehalten (oder besser, Angst) geholfen werden. Das sind die Debatten, die geführt werden müssen: Wie lässt sich die Vereinbarung von Elternschaft mit Beruf arbeitsrechtlich sinnvoll abbilden? Wie müssen wir unsere Büroarbeitsplätze umgestalten oder erweitern — räumlich und gedanklich, um diese Lebenssituationen angemessen einzubinden? Sind Eltern-Kind-Büros die einzige Option? Weshalb können Kinder nur in die Arbeit mitgenommen werden, wenn keine weitere Betreuungsmöglichkeit mehr vorhanden ist?

Was wir bestimmt benötigen, ist eine kreative Auseinandersetzung, möglicherweise auch eine Subversive. Eine Reduzierung auf individuelle Gefühligkeit oder sogar persönliche Kränkung hilft nicht weiter.

Kinder im Bundestag, oder präziser, Fotos von Eltern mit ihren Kindern auf Arbeit, sind durchaus eine Lösung. Sie sind nicht die Lösung, sondern nur eine kleine von vielen. Damit wir dieses Thema öffnen und zugänglicher machen können, braucht diese Gesellschaft noch viele weitere kleine Schritte. Also, her mit den Ideen. Und den Fotos.