Empört euch
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Empört euch

Aber bitte, hört auch wieder damit auf.
Empört euch

Wie anhaltende Empörung und Social Media den menschlichen Verstand und die Gesellschaft zerstört. Und was wir dagegen tun können.

Liebe Freunde der Nacht, lasst uns heute mal ein wenig emotional werden!

Du bist also verärgert, etwas treibt dich um, bringt dich in rage, lässt dich vor Wut schäumen. OK, das ist gut. Das zeigt dir zumindest schon mal, dass du noch am Leben bist. Empörung ist gut also geh raus und sei empört. Sei von mir aus wahnsinnig empört. Konsolidiere deine Gedanken, plane und unternimm dann konkrete Schritte. Führe deinen inneren Tumult an der Hand. Begleite ihn und verwandle ihn, am besten in etwas Positives.

Sollte das nicht klappen dann ist es für den Anfang auch vollkommen ausreichend, wenn du deinen Frust erst mal lautstark verbalisierst.

Wenn die Zeit dann gekommen ist und sich dein Gefühlshaushalt wieder normalisiert, der aufgewirbelte Staub sich gelegt hat und erste Ergebnisse sichtbar werden, dann schalte wieder ein paar Gänge runter. Denn der entscheidende Punkt bei der Sache mit der Empörung ist, auch wieder rechtzeitig damit aufzuhören.

Nichts ist schädlicher als die derzeitige Dauererregheit in der Bevölkerung. Sie tötet die Konsensbildung. Sie drückt dem gesunden Menschenverstand die Halsschlagader zu. Sie bildet die Grundlage für eine Empörungskultur, in deren Nährboden eine ziemlich prächtige Menge radikalisierender Ideologien wachsen können.

Ein wesentlicher Faktor dabei sind die technischen Geräte, mit denen wir uns den ganzen Tag beschäftigen und die Netzwerke, in denen wir uns aufhalten: unsere Smartphones und Social Media.

Die ständigen Unterbrechungen und gezielten Ablenkungen durch diese Technologien fordern ihren Tribut an unserer Fähigkeit zu denken, uns zu konzentrieren, Probleme zu lösen und miteinander präsent zu sein. Und dies scheint eines der größten Paradoxien unserer Zeit: Obwohl wir immer besser vernetzt sind, verstehen wir uns scheinbar immer weniger. Inklusive uns selbst.

Was ist da passiert?

„Für eine Lüge benötigt man immer Zwei: Einer der lügt und einer, der zuhört.“ — Homer Simpson

Wirklich eine „sinnvoll investierte“ Zeit?

77,79 Millionen Menschen nutzen in Deutschland das Internet, 45 % davon Social Media-Dienste (Stand 02/2020). Die tägliche Verweildauer in sozialen Netzwerken liegt für die User hierzulande bei 84 Minuten pro Tag.

Das ist eine Menge Zeit und eine Menge Menschen, die sich jeden Tag durch die Timelines dieser Dienste scrollen, Inhalte teilen, liken und kommentieren.

Soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook, Instagram, YouTube und neuerdings auch TikTok haben rekursive, sich selbst aufschaukelnde Effekte in Gang gesetzt. Menschen teilen Inhalte und diese Inhalte wirken sich auf die Menschen aus. Die somit veränderte Haltung der Menschen wirkt sich wiederum auf die weiteren geteilten Inhalte aus. Dieses Spiel lässt sich beliebig fortführen.

Vor 11 Jahren (!) wurde vom Bundestag eine Enquete-Kommission einberufen, die das verfügbare Wissen über die Auswirkung der Digitalisierung auf die Gesellschaft einzuordnen versuchte. Einer der Sachverständigen war Prof. Dr. Peter Kruse, dessen brillante, weitsichtige Präzision der bevorstehenden gesellschaftlichen Verwerfungen in diesem dreiminütigen Vortrag zu sehen ist.

Wenn hohe Vernetzungsdichte, hohe Spontanaktivität und kreisende Erregung (z. B. durch die Re-Tweet-Funktion bei Twitter) zusammen kommen, dann zeigen diese sozialen Systeme eine Tendenz zur Selbstaufschaukelung. Das bedeutet, dass diese Systeme plötzlich mächtig werden, und zwar ohne, dass man vorhersagen könnte, wo das ganz genau passieren werde. Solche nichtlinearen Systeme lassen sich nicht vorhersagen.

Prof. Dr. Peter Kruse hatte bereits in dem damaligen Beitrag aus dem Jahr 2010 das Wirkungsprinzip kommender gesellschaftlicher Strömungen vollkommen richtig erkannt: Woke und QAnon, Trumpismus und Querdenker. Und ich persönlich befürchte, dass bei der damaligen Sitzung exakt niemand einen Plan hatte, wovon der gute Mann da eigentlich spricht. 🤷🏼‍♂️

Erst als 11 Jahre später ein amerikanischer Präsident mit orangefarbener Gesichtshaut den letzten Tropfen Empörung in das Fass träufelte, sich der Volkszorn eines gewissen Teils der Bevölkerung im Sturm auf das Kapitol so grimmig entlud, dass dadurch beinahe die gesamte demokratische Ordnung eines „entwickelten“ Landes implodiert wäre, erst da dämmerte es wohl auch dem Allerletzten, wie die Geister aussehen, die wir beschworen haben. Und welchen Einfluss die Technologie und Social Media auf den gesellschaftlichen Diskurs haben kann. Dieser Einfluss ist enorm. Und er ist unberechenbar.

Doch zurück zu der Funktionsweise dieser Netzwerke, die das Rückgrat solcher Aufschaukelungsprozesse bilden. Und damit zurück zu etwas, über das wir besonders gerne sprechen:

Über uns.

Hallo Hirn, heute schon gehackt worden?

Unsere hoch entwickelte Psyche leistet uns in vielerlei Hinsicht gute Dienste, enthält aber auch Schwachstellen, die ausgenutzt werden können. Persuasive Technologie — das ist Technologie, die die Einstellung und das Verhalten von Menschen formt — drückt viele dieser Knöpfe und nutzt unsere Schwachstellen aus, um Engagement und letztlich Unternehmenseinnahmen für die Konzerne zu generieren.

Unsere Gehirne sind durchlässiger als wir glauben. Wir formen unsere Umgebung und, im Guten wie im Schlechten, formt unsere Umgebung unsere Gehirne. Wenn wir uns wiederholt mit persuasiver Technologie beschäftigen, fängt sie an, uns zu trainieren: unsere Gedanken, Gefühle, Motivationen und Aufmerksamkeit beginnen, das zu replizieren, was die Technologie beabsichtig. Dieses Training erzeugt eine Art neuronalen Impuls, der uns dazu bringt, diese neuen Verhaltensweisen beizubehalten, auch wenn sie nicht gut für uns sind.

Soziale Medien stellen einen besonderen Fall von persuasiver Technologie dar, bei der psychologische Hebel immer und immer wieder betätigt werden, oft, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Wir klicken nicht wahllos: Das Design vieler dieser Apps nutzt bewusst unsere tiefsten Schwachstellen aus, indem sie zwanghaftes Verhalten fördern, das unsere Autonomie und unser Wohlbefinden gefährdet. Hier sind einige der prominentesten Beispiele:

1. Das Triviale als dringend erscheinen lassen.

Da unsere Aufmerksamkeit eine begrenzte Ressource ist, muss unser Gehirn zu jedem Zeitpunkt entscheiden, was wichtig ist. Das „Salienznetzwerk“ des Gehirns hilft uns, dies zu tun. Wenn das Salienznetzwerk aktiviert ist, werden wir auf Bedrohungen und Chancen aufmerksam gemacht, es fungiert als eine Art Schaltkreisunterbrecher und signalisiert, wenn das Gehirn seine Ressourcen auf eine neue, externe Quelle richten sollte.

Benachrichtigungen (Vibrationen, rote Punkte, blinkende Lichter, Banner) lösen das Salienznetzwerk ständig aus und täuschen uns effektiv vor, dass etwas Neues, aber Triviales dringend ist. Natürlich gibt es Gelegenheiten, in denen wir eine wichtige Benachrichtigung erhalten, die hervorgehoben werden muss, aber die meiste Zeit fungieren Social Media Benachrichtigungen als Fehlalarm und beeinträchtigen unsere Fähigkeit, uns um das zu kümmern, was wirklich wichtig ist.

2. Förderung des Suchens ohne Erfüllung.

Wir wollen Dinge und wenn wir sie bekommen, genießen wir sie. Allerdings ist der Gehirnkreislauf, der am Wollen beteiligt ist (mesolimbisches dopaminerges System), viel stärker als der Gehirnkreislauf, der am Genießen beteiligt ist. Das Gefühl, etwas zu wollen, kann so stark sein, dass wir selbst dann, wenn wir finden, was wir wollen, nicht viel Befriedigung bekommen. Manchmal werden die wollenden Netzwerke im Gehirn überempfindlich und wir werden süchtig: Endlosschleifen des Suchens. In der Sucht entkoppelt sich das, was wir wollen, von dem, was wir genießen.

Technologie nutzt oft die Potenz des Wollens aus, indem sie endlose Möglichkeiten für die Suche bietet, aber nur wenige Erfahrungen, die sättigen. Wir finden vielleicht flüchtiges Vergnügen, aber keine dauerhafte Befriedigung. Unsere „Toleranz“ steigt, und wir brauchen mehr, um die gleichen Effekte zu erzielen. Das Ergebnis: wir klicken und scrollen weiter, konsumieren gedankenlos Inhalte, oft mit minimaler Kontrolle durch die kognitiven Kontrollregionen des Gehirns. Letztendlich erschöpft uns dieses Verhalten, nährt aber die auf Engagement basierenden Geschäftsmodelle der Konzerne.

3. Zwingt uns zum Multitasking.

Die Kapazität unseres Gehirns, Informationen zu verarbeiten, ist atemberaubend: Milliarden von Neuronen führen Billionen von „Gesprächen“ untereinander und aktivieren große Netzwerke unseres Gehirns, um die Anforderungen des Lebens zu bewältigen. Doch die Ressourcen unseres Gehirns sind begrenzt: Wir sind hochgradig ablenkbare Wesen und die Qualität unserer Aufmerksamkeit kann leicht beeinträchtigt werden. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit häufig von einer Aufgabe zur anderen wechseln, erleben wir einen „Aufmerksamkeitsrest“, bei dem Gedanken an die vorherige Aufgabe die volle Aufmerksamkeit auf die aktuelle Aufgabe beeinträchtigen.

Soziale Medien inspirieren zu diesem Multitasking, das unsere kognitive Kontrolle, unsere Emotionen und letztlich auch unser Gehirn beeinträchtigt. Diese Plattformen halten uns ununterbrochen auf Trab, lösen repetitives, automatisiertes Verhalten aus und schwächen die Aktivierung in den präfrontalen kognitiven Kontrollregionen unseres Gehirns. Eine Arbeitsgruppe der Nationalen Akademie der Wissenschaften hat herausgefunden, dass Medien-Multitasking bei Jugendlichen mit schlechterem Gedächtnis, erhöhter Impulsivität und Veränderungen in der Gehirnfunktion verbunden ist. Diese Beweise zeigen uns, wie wichtig es ist, dass wir vorsichtig mit unserem Gehirn umgehen und es vermeiden sollten, ständig alle Kanäle unseres Gehirns zu überfluten.

4. Instrumentalisierung von Furcht und Angst.

Vor zwei Jahrzehnten schrieben Forscher eine einflussreiche Arbeit, in der sie zu dem berühmten Schluss kamen: Schlechtes ist stärker als Gutes. Zumindest, wenn es um unsere Kommunikation geht. Negative Informationen erregen mehr Aufmerksamkeit und formen Emotionen und Verhalten stärker als positive Informationen. Unsere Gehirne verarbeiten negativ bewertete Informationen — insbesondere angstbezogene Reize — schneller und gründlicher als positive Informationen. Evolutionär betrachtet ist das sinnvoll: Beim Streben nach Überleben überwiegt der potenzielle Verlust, der mit einer einmaligen Erfahrung von Bedrohung einhergeht, den Gewinn, der mit einer einmaligen Erfahrung von Freude einhergeht. Es ist nicht überraschend, dass sich Social Media Inhalte, die Angst, Wut und Ekel erzeugen, viel schneller verbreiten als positive Inhalte. Wir versinken förmlich in dieser Negativität und sie treibt ein tieferliegendes Engagement an. Angst und Empörung werden zur Norm und können unseren Sinn für das Gute und die gemeinsame Menschlichkeit erodieren.

5. Förderung des ständigen sozialen Vergleichens.

Als soziale Tiere bewerten wir natürlich unseren eigenen Wert, indem wir uns mit anderen vergleichen. Der mediale präfrontale Kortex in unserem Gehirn priorisiert Informationen über uns selbst. Selbstwertgefühl beinhaltet einen ständigen Prozess der Selbstbestätigung und der Abwehr von Bedrohungen des Selbstwertes.

Unsere Angewohnheit, uns mit anderen zu messen, inspiriert uns manchmal dazu, mehr zu erreichen, aber Vergleiche führen häufiger zu negativen Emotionen: Neid, Scham, Angst oder Eitelkeit. Die sozialen Medien steigern den Umfang und den Einsatz unserer Vergleiche dramatisch. Sie überfluten uns mit hochkuratierten Bildern, die Menschen in ausgewählten Momenten zeigen und nur das zeigen, was sie uns sehen lassen wollen. Influencer etablieren Standards der Perfektion und wir binden unser Selbstbild an diese Ideale. Unsere „Likes“ — die mächtige Belohnungsschaltkreise im Gehirn aktivieren — werden zu einem Kommentar über den tiefsten Teil von uns selbst. Dies ist ein Rezept für zwanghaftes Vergleichen, Selbstzweifel und egozentrisches Melodrama.

6. Uns erzählen, was auch immer wir glauben wollen.

Unsere Gehirne sind äußerst empfindlich gegenüber sozialer Ausgrenzung. Soziale Ablehnung schmerzt auf die gleiche Weise wie körperlicher Schmerz. Folglich erfahren wir einen starken Druck, uns anzupassen. Software-Algorithmen lernen über unsere Vorlieben und passen die Informationen, die wir erhalten an und optimieren sie. In unseren Online-Blasen birgt das Abweichen von der Parteilinie ein ernsthaftes soziales Risiko. Wenn wir in eine bestimmte Sichtweise involviert sind, akzeptieren wir Informationen, die diese unterstützen und verwerfen widersprüchliche Informationen, ein Phänomen, das als „Bestätigungsverzerrung“ (confirmation bias) bekannt ist. Wenn man es auf die Spitze treibt, könnte man sagen, dass sich unsere Gesellschaft in verschiedenen Versionen der Realität wiederfindet. Wenn Algorithmen uns sagen, was wir glauben wollen, werden wir stärker polarisiert und verlieren das Gefühl für uns selbst als eine zusammenhängende soziale Gruppe mit einem gemeinsamen Verständnis.

„Niemand begeht einen größeren Fehler als derjenige, der nichts tut, weil er nur wenig tun kann.“ — Edmund Burke

Quelle: Sacha Baron Cohen, Twitter

Und jetzt?

Smartphones und Social Media sind zu Durchlauferhitzern unserer Emotionen geworden. Die Technologie manipuliert unser Verhalten und hat sich selbst verstärkende Effekte in Gang gesetzt, die ein gesundes gesellschaftliches Miteinander zunehmend verunmöglichen. So weit, so schlecht.

Natürlich sind wir diesen Veränderungen nicht hilflos ausgeliefert. Hat man die weiter oben im Text beschriebenen Zusammenhänge erst mal verstanden, dann dürfte es einem nicht mehr ganz so schwerfallen, sein Verhalten entsprechend zu ändern. Man muss auch nicht gleich Regulation durch den Gesetzgeber einfordern. Sie wäre zwar in vielen Bereichen hilfreich und würde einige Veränderungen beschleunigen, doch die entscheidende Komponente in diesem Dilemma sind wir. Jedes Mal, wenn wir unsere Smartphones in die Hand nehmen und etwas damit anstellen treffen wir eine Entscheidung.

Jeder Benutzer hat ein sehr individuelles Nutzungsverhalten, was den Umgang mit seinem Smartphone betrifft. Folgend möchte ich ein paar konkrete Dinge aufzählen, die ich berücksichtige.

1. Stille, mein alter Freund.

Die einfachste Methode gleich vorneweg. „Nicht stören“ und „Flugmodus“ sind meiner Meinung nach die wichtigsten und am meisten unterschätzten Funktionen der Smartphones. Auf meinem iPhone ist das gewissermaßen der Grundzustand. Ich habe die Verstummung so eingestellt, dass mich wirklich wichtige Kontakte, z. B. der Kindergarten, bestimmte Familienmitglieder oder Ärzte trotz Stummschaltung erreichen können. Auf dem iPhone findet man die Funktion unter „Einstellungen > Nicht stören > Anrufe zulassen von“. Damit schalte ich auch die unterschwellige Angst ab, wirklich wichtige Dinge zu verpassen.

Ihr kennt euer kurzes Zusammenzucken, wenn irgendwo das Brummen eines Handy-Vibrationsalarm zu hören ist? Ihr kennt das Gruppenverhalten, wenn viele Menschen in einem Raum sind und ein Handy klingelt (die Töne sind oft fast identisch)? Solltet ihr das beobachten, dann habt ihr einen sicheren Beleg dafür, wie die Technologie uns konditioniert hat.

Wenn ihr das nächste Mal bei einer Dokumentation, in der es um ein Verhaltensexperiment mit Tieren geht, lachen müsst, dann dreht noch mal eine gedankliche Extrarunde.

2. „Nein!“

„Nein!“, das ist möglicherweise die traurigste aller existierenden Befehlsformen aber in diesem Fall sehr hilfreich. Ich habe das in einer Zeit praktiziert, als ich Benachrichtigungen nicht ausschalten konnte oder wollte. Trudelt also eine neue Benachrichtigung ein, dann sagte ich mir immer zuerst „Nein!“ oder „Hör auf damit“ oder „Leg es weg“.

Der Hinweis, sein Smartphone eben einfach nicht zu benutzen, ist natürlich eine Binsenweisheit. Aber legt man sich einen ersten mentalen Stolperstein in den Weg, passiert eine Sekunde des Innehaltens. Und diese Sekunde des Wartens ist meist schon ausreichend, um mir den Eintritt zur nächsten stumpfen Benutzungskaskade — im Englischen auch „Doomscrolling“ genannt — zu versperren.

Wichtig: Sei nicht so hart zu dir. Es gibt Tage, da klappt es und es gibt Tage, da klappt es nicht. Da schreckst du eine Stunde später, nachdem du „nur mal kurz“ was auf dem Handy nachschauen wolltest mit brennenden Augen und wirren Gedanken wieder auf. Sei also mit deiner Selbstbewertung nicht zu hart.

3. Ent-konditioniere bestehende Verhaltensmuster.

Einen Tag pro Woche habe ich als „Read now Day“ und einen anderen als „Internet Sabbatical Day“ ausgewählt. Für das Letztere habe ich mich für den Sonntag entschieden, es kann aber jeder beliebige Tag sein, der für dich funktioniert. Der Sonntag wurde es bei mir nicht aus religiösen Motiven, sondern weil es an diesem Tag am einfachsten ist, auf das Internet zu verzichten.

Mein erster Plan, einen „Social Media Frei“-Tag in meine Woche einzubauen ist gescheitert, weil mich das Internet generell an zu vielen Ecken und Stellen zum übermäßigen Verweilen einfängt. Ich war dann zwar nicht mehr stundenlang auf Twitter oder YouTube, dafür jedoch Wikipedia, Medium oder den Seiten der großen Tageszeitungen. Das war dann vielleicht nicht mehr ganz so schädlich, wie den halben Tag auf Social Media herumzudümpeln, es war aber trotzdem ein halber Tag, der dafür draufging.

Ich bin ehrlich, das mit dem komplett internetfreien Tag, das hat in den letzten drei Wochen nur ein einziges Mal geklappt. Aber ich bleibe dran an der Idee. Vielleicht braucht es noch ein wenig feintuning.

Ein anderes „Problem“ ist, besonders als Autor und jemand, der tausend Dinge gleichzeitig recherchiert, dass immer mehr und mehr noch zu lesende Artikel in meiner Sammelstelle landen, ohne dass ich mit der Bearbeitung hinterherkomme. Dafür habe ich den „Read Now Day“. An diesem Tag lese ich explizit nichts Neues, sondern nur die Sachen, die bei mir auf Halde liegen. Instapaper ist seit vielen Jahren mein Tool der Wahl, aber das Angebot an Alternativen ist riesig. Vielleicht kann dir so ein Tag auch helfen, nicht dauernd im konstanten Strom neuer Artikel unterzugehen.

4. Kritische Selbstbeobachtung.

Ja, ich weiß, Achtsamkeit ist heutzutage ein wenig zur reflexartigen Standardantwort für so ziemlich alle Probleme geworden, die das menschliche Oberstübchen betreffen aber das liegt vor allem daran, dass da was dran ist. Hat man die erste Stufe geschafft — „Habe ich überhaupt ein Problem mit Social Media?“ —, dann wartet die nächste Stufe: „Wie sieht dieses Problem denn überhaupt aus?“

Eine vollumfänglich empfehlenswerte Funktion, nach gleich nach dem Nicht stören-Modus, sind die Wochenberichte.

Mein iPhone liefert mir einmal in der Woche eine Zusammenfassung darüber, mit welchen Apps ich wie viel Zeit verbracht habe. Bei Android Smartphones dürfte es eine ähnliche Funktion geben.

Zu sehen und zu verstehen, dass man von den vergangenen 24 Stunden kostbarer Lebenszeit 4 davon auf Instagram verbracht hat und ausser genervt oder traurig oder entrüstet sein ansonsten nichts übrig bleibt, bis auf paar fragwürdige, mit ziemlicher Sicherheit jedoch überflüssige Artikel im Warenkorb, das zu sehen und zu kapieren kann Wunder wirken.

5. Medienkompetenz

Aufklärung ist gut. Noch mehr Aufgeklärte ist besser. Ich weiß nicht, wie es damit derzeit an den Schulen der Republik bestellt ist (das können die Lehrer:innen und Pädagog:innen hier unter euch besser beurteilen) aber „Medienkompetenz“ muss ein eigenes Unterrichtsfach werden. Das ist aber nur ein kurzer Meinungseinwurf von mir, es geht weiter.

6. Kontrolliere deine Filter und nicht umgekehrt (Filtersouveränität)

Für meine Arbeit ist es notwendig, hin und wieder in den Strom der Social-Media-Kanäle abzutauchen. Bundestagswahl, Hochwasserkatastrophe, die Themenliste scheint endlos. Bei diesen Tauchfahrten benutze ich jedoch eine intelligente Vorsortierung, die wahrscheinlich so alt ist, wie die Entstehungsgeschichte der fünf Finger einer menschlichen Hand: Listen.

Das klingt jetzt mittelmäßig unsexy, hat mir aber sicherlich schon ein Jahr Lebenszeit gerettet. Die meisten Informationen zu tagesaktuellen Geschehnissen erreichen mich entweder per Newsletter (Hey ist momentan mein Mailprogramm der Wahl), Reddit oder Twitter. Letzteres kann die Hölle sein.

Darum habe ich dort kuratierte Listen für verschiedene Bereiche angelegt: Technik, Wissenschaft, Nachrichten international, Nachrichten lokal. Diese Listen habe ich mit Twitter-Usern aus den zugehörigen Bereichen gefüttert. Der Aufwand ist Anfangs etwas höher und ich muss zweimal im Jahr die Mitglieder dieser Listen manuell überprüfen, ob sie überhaupt noch themenrelevante Inhalte teilen. Aber diese Vorsortierung hilft mir, nicht ganz so schnell von einer Themen-Bubble in die nächste gespült zu werden.

Andere Netzwerke bieten vergleichbare Funktionen, sei es die Kategorisierung in Gruppen oder das Filtern nach Hashtags.

Dementsprechend nenne ich das Prinzip „Filtersouveränität“ und es hilft mir, das Verhältnis von Signal vs. Lärm auf ein gesundes Maß zu bringen.

Heutzutage gibt es für alles entsprechende digitale Helferlein. Assistenten, die im Hintergrund arbeiten und unser Verhalten moderieren. Dem Problem mit der Technik mit noch mehr Technik zu begegnen, ist natürlich illusorisch. Für den ein oder anderen mag diese Zusammenfassung jedoch hilfreiche Vorschläge beinhalten.

7. Mach es wie die Stoiker. Oder die Taoisten. Oder die Zen-Buddhisten.

Man muss nicht wie ein Neuzeit-Guru klingen aber all die Probleme, die uns beschäftigen und die Lösungen, die wir dafür haben, das alles ist wirklich nicht der neueste Scheiß. Seit Jahrtausenden kreisen die Gedanken der Menschen um diese Themen: Wie werde ich glücklich? Wie kann ich fokussierter arbeiten? Warum geht die Schleife an meinem Schuh immer auf? Warum sind meine Mitmenschen so dumm? Und warum liegt das an mir, dass ich sie als dumm betrachte?

Du kannst dir beliebig eine philosophische Strömung schnappen und über ein paar Aussagen sinnieren. Die derzeitigen Ereignisse auf der Welt erschlagen dich? Beschäftige dich nur mit den Angelegenheiten in deinem direkten Wirkungsbereich. Stoiker. Du hast Angst, dass du in der Krise alles verlieren wirst? Bleibe unverhaftet mit den Dingen. Buddhisten.

Für den Anfang kann ich jedem aufrecht gehenden Vielzeller die „Kleine Bibliothek der Weltweisheit“ des dtv Verlags empfehlen. Das sind kurze, günstige, einzeln erhältliche Bücher, wundervoll gedruckt. Sucht euch raus, was euch gefällt. Das Tao Te King ist toll und selbst in der Bibel kann man fündig werden. (Sofern man in ihr eine Art Hygienebibel für mentale und zwischenmenschliche Gesundheit sieht, denn dann stolpert man auch nicht so sehr über den ganzen anderen Mist, der da drinsteht.)

Um die letzten 5.000 Jahre menschlicher Erkenntnisse mal zusammen zu fassen: Du hast ein Problem? Dann stehen die Chancen ziemlich gut, dass irgendwann irgendwer irgendwo auf dieser Welt schon mal das gleiche Problem hatte. Nutze das! Mach dich auf die Suche, die Antwort liegt irgendwo da draussen. Das kann die profane Aussage der Wurstfachverkäuferin sein. Oder eine Antwort, die irgendwo in diesem Internet versteckt ist, diesem tollen, schrecklichen Werkzeug.

Mach dich auf die Suche.

Aber bleib nicht wieder auf Facebook hängen. 😘


Weitere Gehirnnahrung:

Das Dilemma mit den Sozialen Medien (The Social Dilemma) — Netflix Doku, 2020

Screaming Into The Void: How Outrage Is Hijacking Our Culture, And Our Minds, Hidden Brain, NPR Podcast, 2019

Erlernbar? - die Bejahung der Welt, Das Philosophische Radio, WDR Podcast, 2021

Was sind Ihre Strategien zur Ent-Netzung?, Das Philosophische Radio, WDR Podcast, 2021

You Really Need to Quit Twitter, Caitlin Flanagan, The Atlantic, 2021

In Zusammenhang mit Verschwörungs- und Manipulationsideologien:

Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?, Podcast, 2021

NY Times: Operation Infektion, Russian Disinformation: From Cold War to Kanye, Adam B. Ellick and Adam Westbrook

Die Fünf Pforten der Manipuation — Ralf Grauels Thesenpapier, 2002

Die Story im Ersten: Queerdenker — ARD Reportage, 2021

Im Schatten der Netzwelt: The Cleaners — Arte Dokumentation, 2021 (noch bis 26.10.21 in der Mediathek)


Quellenangaben:
(Anm.: Teile des Artikels wurden von der Seite humanetech.com übernommen und sinngemäß übersetzt.)

  • Berridge, K. C., & Kringelbach, M. L. (2015). Pleasure systems in the brain. Neuron, 86(3), 646-664.
  • Crockett, M. J. (2017). Moral outrage in the digital age. Nature Human Behaviour, 1(11), 769-771.
  • Menon, V., & Uddin, L. Q. (2010). Saliency, switching, attention and control: a network model of insula function. Brain Structure and Function, 214(5-6), 655-667.
  • Rollwage, M., Loosen, A., Hauser, T. U., Moran, R., Dolan, R. J., & Fleming, S. M. (2020). Confidence drives a neural confirmation bias. Nature Communications, 11(1), 1-11.
  • Rouault, M., & Fleming, S. M. (2020). Formation of global self-beliefs in the human brain. Proceedings of the National Academy of Sciences, 117(44), 27268-27276.
  • Uncapher, M. R., Lin, L., Rosen, L. D., Kirkorian, H. L., Baron, N. S., Bailey, K., ... & Wagner, A. D. (2017). Media multitasking and cognitive, psychological, neural, and learning differences. Pediatrics, 140(Supplement 2), S62-S66.