Der Eskapist #03/21
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Der Eskapist #03/21

Klüngelei, Klima, Kicker, Kapitulation
Der Eskapist #03/21

Hier ist deine kostenlose Ausgabe von „Der Eskapist“, die — mehr oder weniger — wöchentliche Rekapitulation des Zeitgeists, mit Ideen und Denkanstößen zur Wahrheitsfindung und Wirklichkeitsprüfung. Am Format wird noch geschraubt, aber so langsam groove ich mich ein. Fragen und Vorschläge bitte jederzeit und in Mengen an mich.


Klüngelei

Kennt ihr den noch?

Gerhard Schröder ist seit dem Ende seiner politischen Karriere als Wirtschaftsanwalt sowie in verschiedenen Positionen als Wirtschaftslobbyist tätig, unter anderem als Aufsichtsratsvorsitzender der Nord Stream AG. Mit der bevorstehenden Fertigstellung der Ostsee-Pipeline „Nord Stream 2“ ist sein Lebenswerk vollendet.

Die USA und Deutschland haben ihren jahrelangen Streit um den Bau der Pipeline beigelegt. Beide Seiten verständigten sich auf einen Kompromiss, der die von den USA befürchteten negativen Folgen der Pipeline für die Ukraine abmildern und die weitere Nutzung einer Gas-Pipeline durch das Land sichern soll. Im Gegenzug sollen der Betreibergesellschaft von Nord Stream 2 keine Sanktionen mehr drohen. In einer gemeinsamen Erklärung werden Russland Sanktionen für den Fall angedroht, dass es Energie als Waffe einsetzt.

USA und Deutschland: Hi Russland, du wirst Energie nicht als Waffe einsetzen, ja?

Russland:


Klima

„Dem Planeten geht es gut. Es sind die Menschen, die im Arsch sind!“

Erinnert ihr euch noch an die Zeit, als „übers Wetter reden“ weitestgehend unpolitischer Small Talk war? Als sich über ein paar verregnete Sommertage aufregen einfach nur der soziale Fugenkit einer eher unterkomplexen Unterhaltung war?

Nun, diese Zeiten sind wohl endgültig vorüber.

Nachdem sich Corona, zumindest für den Moment, aus der Tagespresse herausendemisiert hat, ist der Raum für andere Themen wieder etwas größer geworden. Der Klimawandel und die damit einhergehenden Veränderungen sind Themen, denen ich ständig schreibend hinterherlaufe, so schnell ändern sich die Ereignisse, so schnell folgt ein Ausnahmezustand dem nächsten.

Zuerst war da der Bruch einer Unterwasser-Pipeline vor einer Bohrinsel im Meer von Mexiko, Nachricht, die nicht in direktem Zusammenhang mit dem Klimawandel steht. Jedoch musste man schon zweimal hinschauen, um zu realisieren, dass es sich dabei nicht um einen Spezialeffekt aus dem letzten Avengers-Film handelt.

Dann kam es in Amerika zu einer Hitzewelle. In Lytton, einer kleinen Stadt im Westen Kanadas, wurden Anfang Juli Temperaturen von über 49 °C gemessen, mehrere Tage lang. Und dann gab es Lytton nicht mehr. Die Stadt brannte vollständig ab.

Kurz darauf bedrohten auch in den USA Hitze und Brände Menschenleben. Und die Stromversorgung. Der Aufruf der Behörden, die Klimaanlagen, die wegen der Hitze bei vielen auf Hochtouren liefen abzuschalten, um Strom zu sparen und so ein Zusammenbrechen des Netzes zu verhindern, klang wie ein zynischer Abgesang auf unsere Zeit. Henry Fountain, Klimareporter für die New York Times half, das Geschehen und die Fehlinformationen, die in Umlauf waren einzuordnen.

Und dann war da der Auftritt von Greta Thunberg beim diesjährigen Austrian World Summit.

Natürlich hielt sie sich die schwedische Klimaschutzaktivistin nicht mit diplomatischen Höflichkeiten auf, besonders dann nicht, wenn sie zu einer Konferenzen mit Politiker:innen eingeladen ist: „Junge Menschen auf der ganzen Welt fallen nicht mehr auf Ihre Lügen herein. (…) Damit das klar ist: Bei dem, was Sie tun, geht es nicht um Klimaschutz oder die Reaktion auf einen Notfall. Das war es nie. Das ist Kommunikationstaktik, getarnt als Politik.“

Man kann Greta Thunberg mögen oder nicht. Es wäre jedoch sehr schade, wenn ihre Auftritte zu einer sich ständig wiederholenden „Greta zerstört die Politik“-Show werden würden, bei der sich Veranstalter:innen und Politiker:innen mit solchen Gästen den Anstrich verleihen, etwas zu verändern, im Grunde aber eine reine Imagekampagne fahren. Ich persönliche hoffe, dass Greta solchen Foren fernbleiben wird und sie sich für diese Selbstbefriedigungsaktionen nicht instrumentalisieren lässt.

Vielleicht ist Gretas pedale Steißbein-Stimulation als fortlaufende Ermahnung auch nötig, damit die Klimaziele umgesetzt werden, ich weiß es nicht.

Das, was auf der einen Seite der Welt an Niederschlag fehlt, Hitzewellen und Dürrekatastrophen auslöst, fällt auf der anderen Seite in atemberaubenden Mengen vom Himmel. Während wir uns hierzulande noch die Frage stellen, warum der Sommer in Deutschland so verregnet ist, setzte ein statisches Tiefdruckgebiet halb NRW unter Wasser. Und Anfang dieser Woche dann Teile von China.

Eigentlich wundert es mich nur, dass viele Menschen anscheinend immer noch überrascht sind von den extremen Bedingungen, mit denen wir in den letzten Wochen konfrontiert wurden. Die Klimaveränderung ist wirklich nicht der neueste Scheiß. Während die Industrienation weitestgehend unvorbereitet bleiben für das, was da auf sie zurollt, fand Eckhart von Hirschhausen erfrischend klare, angemessene Worte: „Diese Priorisierung von Wirtschaft geht mir auf den Sack.“

Die Reporter bei der Bild-Zeitung machen unterdessen das, was sie besonders gut können. Sie preschen über Rechtsaußen nach vorne, fast so, als gäbe es eine wertvolle Auszeichnung für den engagiertesten Mittendrin-Reporter Deutschlands.

Eine andere Frage sei an dieser Stelle berechtigt: Wie tief kann man eigentlich sinken?

Währenddessen philosophiert Stephan Brandner von der AfD über die eigentlichen Ursachen des Klimawandels. Man müsse auch darüber nachdenken, so der Welterklärer, ob nicht Windkrafträder, von denen es ja viele, um nicht zu sagen, zu viele gibt, das Klima negativ beeinflussen. Weil, Legionen von Windräder stehen einfach nur so in der Gegend herum und rauben damit dem Wind Energie. Das muss sich doch aufs Klima auswirken.

Tja. 🤷🏼‍♀️

Nachdenken über das Klima — Entschuldigung, den „Klimahysterieunsinn“, wie die AfD es bezeichnet, ist richtig. Nachdenken, also das Denken an sich, ist ja deren Königsdisziplin, gewissermaßen das geistige Steckenpferd, auf dem die Partei zu immer neueren Erkenntnishorizonten reiten.

Ganz weit vorne in der Stampede der Ahnungslosen reitet die stellvertretende Bundessprecherin und Klimaversteherin Beatrix von Storch mit, die in der Sonnenaktivität einen direkten Zusammenhang mit der Erderwärmung sieht. Je mehr die Sonne scheint, desto wärmer wird der Planet. Klingt logisch, ist aber dumm. Sie fordert deshalb, halb scherzhaft, halb hirnlos, dass wir die Sonne verklagen sollten.

Genau. Und weil uns Menschen ständig Dinge auf die Füsse fallen, sollte wir die Schwerkraft gleich mitverklagen.

Hallo AfD, hier ein kurzer Infoblock für euch: Es gibt da eine Behörde, die gibt es schon ziemlich lange, die macht was mit Raumfahrt. Wirklich! Die hat richtig viel Zeit damit verbracht, auf unseren kleinen, wunderbaren blauen Planeten herunterzuschauen und sich dabei Gedanken zu machen. Wir haben diese Behörde „NASA“ getauft. Ich weiß, klingt komisch, ist aber so. Und diese NASA ist sich in zwei Dingen ziemlich sicher:

  1. Wir haben noch keine Spur von intelligentem Leben im Universum gefunden. (Selbst auf unserer Erde lassen sich nur geringe Spuren davon nachweisen.)
  2. Das Verhalten der Menschheit treibt die Erderwärmung an.

Bitte. Danke.

So, und weil kein ordentlicher Klimabeitrag ohne Diagramme auskommen darf, hier noch zwei tolle Grafiken:

Über den Klimawandel zu diskutieren ist meistens ein Garant dafür, dass die jeweilige Unterhaltung ziemlich schnell im Eimer ist, so unterschiedlich und kontrovers sind manche Ansichten. Die genauen klimatischen Veränderungen der näheren Zukunft sind ungewiss, die Modelle reichen von „Was? Wir Menschen?“ zu „Nur ein bisschen schlimm“ über „Ganz schön schlimm“ bis hin zu „Endgame“.

Das einzig wirklich schlimme, weil symptomatisch mit jeder Flut- und Hitzekatastrophe wiederkehrend, ist die offensichtliche Hingabe, nach der bei jedem neuen „Wettergroßereignis“ (vielen Dank, deutsche Sprache) am eigentlichen Problem vorbeidebattiert wird. Nur eines ist sicher: So, wie es jetzt läuft, mit der Wirtschaft und dem Wachstum und dem Konsum, so wird es nicht weitergehen. Ob wir wollen oder nicht.

Wissenschaft ist ein offener Prozess. Im Prinzip kann jede wissenschaftliche These über den Haufen geworfen werden, wenn sich herausstellt, dass sie durch Beobachtungen nicht mehr gedeckt ist. So erging es den Lehren Claudius Ptolemäus', als Nikolaus Kopernikus herausfand, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht andersherum. Aber Fortschritt ist nur möglich, wenn ein Sachverhalt bei hinreichender Evidenz bis zum Beweis des Gegenteils für praktische Zwecke als gesichert angenommen werden muss. Sonst wird Wissenschaft zum Selbstgespräch ohne jegliche Relevanz.

Mit Blick auf das Klima bedeutet das: Es lässt sich bestimmt irgendwo auf der Welt irgendein Experte finden, der den Klimawandel abstreitet, aber für die absolute Mehrheit der Expertinnen und Experten ist der Fall klar: Die Erde erwärmt sich, und der Ausstoß fossiler Brennstoffe trägt dazu bei. Dennoch wird in vielen westlichen Demokratien — auch in Deutschland — eine Klimadebatte geführt, ganz so, als gäbe es hier noch irgendetwas zu debattieren.

In dieser stürmisch turbulenten Zeit kann und darf man den unvermeidlichen Georg Carlin im Grunde bei jeder Gelegenheit zitieren:

The planet is fine. The people are fucked.

Zu wenig, zu spät? Greta Thunberg ist zu pessimistisch, SZ, Marlene Weiß, 21.01.2020

Doku im Ersten: Ich bin Greta, ARD Mediathek, 88 Min., 16.11.2020

Erdüberlastungstag: Ein Land am Rande der Erschöpfung, Christian Palm, RND, 05.05.2021

Auszüge aus diesem Abschnitt stammen aus dem Zeit-Online Newsletter von Mark Schieritz

Internationales:

The Air Travel Industry is Preparing for Liftoff, Stephen Moore, Medium, 16.07.21

'Catastrophic’ flooding hits western Germany leaving dozens dead – video report, The Guardian, 15.07.21

Floods in Germany and Other Parts of Western Europe Leave at Least 45 Dead, The New York Times, 15.07.2021

Updates, 24.07.2021:

Extreme weather takes climate change models ‘off the scale’, Leslie Hook, Financial Times, 24.07.2021, €

‘Everything is on fire’: Siberia hit by unprecedented burning, Andrew Roth, The Guardian, 20.07.2021


Kicker

„Wenn du gewinnst, sind sie englisch. Wenn du verlierst, sind sie schwarz.“

Mein lieber Scholli, da ist der letzte virtuelle Pixel eines Entwurfs zum Thema, warum sich weiße Amerikaner:innen derzeit diskriminiert fühlen noch nicht ganz auf dem Bildschirm eingetrocknet und jetzt das. England verliert das diesjährige Europacup–Finale und gewisser Teil der Fans im Internet die Contenance — um es vorsichtig zu formulieren.

Nachdem Bukayo Saka den letzten, den entscheidenden Elfmeter vergab, fielen auf Instagram und Twitter rechte Trolle und ein aufgebrachter Lynchmob über Saka, Rashford und Jadon her, als ob es eine Rolle spielen würde, welche Hautfarbe die Spieler haben, die daneben schießen.

Thread by @stephanpalagan on Thread Reader App
Thread by @stephanpalagan: Weil drei schwarze Fußballer die Elfmeter für England verschossen haben, trendet nun auf Twitter das N-Wort. Nachdem Twitter den Hashtag in “SayNoToRacism” umgewandelt und in die Trends g...…

Dass es eine Person of Color der englischen Mannschaft war, die die letzte Chance im Elfmeterschießen nicht verwandeln konnte, reicht als Motivation scheinbar vollkommen aus, damit die Hundertschaft weißer Ärsche sich vom Privilegiensofa herunterschält, um ihre rassistischen, geistigen Entgleisung der Welt mitzuteilen. Als dann das Wort „Nigger“ auf Twitter trendete, wandelte die Social Media-Plattform das Schlagwort in #SayNoToRacism um. Und reflexartig entblödeten sich die Ewiggestrigen, #SayYesToRacism als Gegentrend zu platzieren.

Das ist wie im Kindergarten. Nur in schlecht. Und ohne Kinder. Und ohne Garten. Also nein, eigentlich ist das nicht wie im Kindergarten. Es ist wie ein ganz gewöhnlicher Tag in den Hate-Bubbles, bei der eine Kränkung von rechts nach links und wieder nach rechts geschoben wird.

Bürgerrechtsorganisationen riefen noch am Abend des verlorenen Spiels schwarze Bürger:innen dringend dazu auf, das Haus nicht zu verlassen (!). Menschen berichteten davon wie Schwarze mit Messern angegriffen und auf Gleise geschubst wurden. Das ist beschämend. Für jedes Mitglied dieser Spezies.

Dass sich das komplette englische Team als Zeichen der Solidarität vor dem Spiel hinkniet? Vergessen. Dass die Tore, die England überhaupt erst ins Endspiel befördert hatten, von Spielern mit schwarzer Hautfarbe geschossen wurden? Geschenkt.

Das Prinzip des Rassismus ist vor allem ein Prinzip der sprachlichen Deutungshoheit, dessen sich viele — bewusst oder unbewusst — auch aus dem liberalen Lager bedienen. Man konnte es an einigen Reaktionen auf das verabscheuungswürdige Verhalten mancher englischen Fußballfans beobachten. Ein Beispiel: „In meinen Augen sind diese ‚Individuen‘, die zu Gewalt aufrufen – auch noch wegen eines Fußballspiels(!) – keine Menschen. Das sind Untiere.“

Und das ist der Hinterhalt des mentalen Modells „Rassismus“: Mit „Untiere“ und der Eingrenzung „keine Menschen“ bedient man sich demselben antirassistischen Framing und den gleichen Mechanismen, die als Motiv für die Hasskampagnen gegen die schwarzen Fußballspieler verwendet werden.

Das Internet kann alles und alles gleichzeitig sein, Hassmaschine und Liebesverstärker, Trollanstalt und Weltverbesserungsfabrik. Es gibt natürlich auch genügend versöhnlichere Töne, um den Menschen mit britischer Staatsbürgerschaft nicht komplett die Teilnahme an der Menschheit zu verweigern. In diesem Fall kam sie von Brindle. Freddie Brindle.

Die Grenzen der Toleranz — Karl Popper über das Paradox der Toleranz
Wie wir begehren“, Carolin Emcke, S.Fischer Verlag, 08.03.2012

Ich bin der siebenmilliardenste Teil von allen, die den Wunsch haben, zufrieden leben zu können.“ — Sibylle Berg über Toleranz


Der Mittelbreak — Worte der Woche

„Für diejenigen, die immer schon Privilegien hatten, fühlt sich Gerechtigkeit oft wie Benachteiligung an.“ — Fikri Anil Altintaş, Botschafter der UN-Women-Initiative „HeForShe“

„Entschuldigung, junge Frau, weil jetzt so ein Tag ist, ändert man nicht die Politik.“ — Armin Laschet zur Klimapolitik

„Müssen wir uns entscheiden, ob wir uns über das mögliche ‚Junge Frau‘ von Laschet aufregen oder das ‚Weil jetzt ein solcher Tag ist, ändert man nicht die Politik‘ angesichts der Hochwasserkatastrophe? Ich kann ihn absolut wegen Sexismus UND Klimawandelleugnung unwählbar finden.“ — Sarah Bosetti

„Ich bin fast 60, und in diesen vielen Jahrzehnten habe ich gesehen, wie Menschen – einige von ihnen gute Freunde – durch alle möglichen Dinge zu Fall gebracht wurden. Meistens von Alkohol und Drogen. Vor ein paar Jahren habe ich jemanden an Heroin verloren, und Hunderte von uns saßen bei seiner Beerdigung in wortloser Gemeinschaft. Ich kenne ein paar Leute, die vom Glücksspiel nicht loskamen, und viele, die von Essen und Sex und all den anderen großen Ablenkungen geplagt wurden. Aber in all diesen Jahren – fast 60! – hatte ich mit keinem dieser Dinge Probleme. Bis jetzt. Weißt du, was mich letztendlich fertig gemacht hat? Das verdammte Twitter.“ — Caitlin Flanagan, The Atlantic

„Wir sind nicht völlig den Launen der Taktiken großer Unternehmen ausgeliefert, um Geld zu verdienen. Aber ich halte es für nützlich, zu untersuchen, dass unsere Technologieentscheidungen weder Zufälle sind, noch rein von unseren Wünschen bestimmt werden.“ — Shira Ovide, NY Times

„Nichts macht das Leben teurer, als seinen Lebensunterhalt mit etwas zu verdienen, das man nicht mag.“ — Jack Butcher


Kapitulation

Etwas nebensächlicher und unaufgeregter verlief da der Truppenabzug der letzten Bundeswehrsoldaten aus Afghanistan. Dieser Krieg nimmt damit, zumindest für Deutschland, ein mehr als unrühmliches Ende. Nach fast 20 Jahren hat der von den USA angeführte Westen kapituliert. Deutschland blieb nach dem Prinzip „Gemeinsam rein, gemeinsam raus“ nur, die Kapitulation mitzuvollziehen.

Ende Juni kehrten die letzten 264 Bundeswehrsoldaten nach Deutschland zurück, mit einem Trupp von KSK-Männern, die ihren Abzug in Kabul gesichert hatten. Ein 27 Tonnen schwerer Findling aus Masar-i-Scharif, ein Gedenkstein für die toten Kameraden, war schon einige Tage zuvor hergeschafft und im „Wald der Erinnerung“ bei Potsdam aufgestellt worden.

„Freundschaft, die nur in eine Richtung funktioniert, ist keine Freundschaft. Das ist noch nicht mal eine geschäftliche Beziehung.“ — irgend so ein Typ im Internet

Von den 160.000 deutschen Soldatinnen und Soldaten, die oft mehrmals vier bis sechs Monate am Hindukusch Dienst taten, verloren 59 ihr Leben, davon 35 im Gefecht oder bei Anschlägen, und einige Tausend kehrten traumatisiert für immer zurück. Aber auch all die anderen hat der Afghanistan-Einsatz tief geprägt.

Vom Krieg im Allgemeinen und dem Einsatz in Afghanistan im Speziellen kann man halten, was man will. Es ist jedoch mehr als ein unrühmliches, nämlich schäbiges Verhalten, dass den Heimkehrenden kein würdiger Empfang bereitet wurde. Sang- und klang- und danklos lief diese Rückkehr ab. „Kein Bundespräsident, keine Bundeskanzlerin, keine Verteidigungsministerin, kein Außenminister, kein Staatssekretär, keine Wehrbeauftragte, kein Abgeordneter, nicht einmal ein Landrat.“ prangerte der FAZ-Herausgeber Berthold Kohler diese Stil- und Herzlosigkeit an.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite, eine weitaus eklatantere Unrühmlichkeit, ist die gefühllose Schnödigkeit, mit der Deutschland die „Ortskräfte“ im Stich gelassen hat. Die Abwicklung der westlichen Frontbegradigung verlief dabei in etwa so gefühlvoll, wie der Einsatz eines Bolzenschussgerätes gefühlvoll sein kann: gar nicht.

https://www.sueddeutsche.de/meinung/bundeswehr-afghanistan-masar-i-sharif-uebersetzer-ortskraefte-1.5339512

Vielleicht liegt das mediale Geduckthalten der Politiker:innen daran, dass sich Deutschland im Wahlkampfjahr befindet und sich niemand bei brisanten Themen allzu weit aus dem Fenster lehnen möchte. Wer weiß das schon?


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Das lese ich momentan

Wie wir begehren, Carolin Emcke, S. Fischer Verlag, 2012

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Entdecken wir das Begehren oder entdeckt das Begehren uns? Wie frei sind wir, unser Begehren zu leben? Hat es nur eine Form oder ändert e...

Die wöchentliche Relevanz

Inspirierendes, wissenswertes und erstaunliches, über das ich diese Woche im Internet gestolpert bin.

👥 Interview der Woche

Die Philosophin Manon Garcia über die Mechanismen der Selbst­unterwerfung von Frauen. Und eine Erklärung für die vielen weißen Wäh­le­rin­nen Trumps.

Philosophin über weibliche Unterwerfung: „Schwesternschaft ist eine Lösung“
Die Philosophin Manon Garcia über die Mechanismen der Selbst­unterwerfung von Frauen. Und eine Erklärung für die vielen weißen Wäh­le­rin­nen Trumps.

📖 Langstrecke der Woche

Obwohl uns dieses kleine, leuchtende Rechteck aus Glas ständig miteinander verbindet, hat es uns seltsam fremd gemacht. Das Smartphone bedient unsere Sehnsucht, gesehen, gehört, geliebt zu werden. Warum degradieren wir uns dabei selbst zu Ware? Serie «Im digitalen Rausch», Teil 3.

Serie «Im digitalen Rausch», Teil 3: Tausendmal berührt, tausendmal nichts gespürt
Dieses kleine, leuchtende Rechteck aus Glas bedient unsere Sehnsucht, gesehen, gehört und geliebt zu werden. Warum degradieren wir uns mit dem Smartphone selbst zu Ware?

📺 Publikumsdiskussion der Woche

Um ein anschauliches Beispiel zu finden, wie man ein Thema angemessen in der Öffentlichkeit diskutieren kann, muss man in die 70er-Jahre zurückreisen.

Publikumsdiskussion: Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt
Publikumsdiskussion aus dem Jahr 1973 zum Film “Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt”. Zu Gast sind Rosa von Praunheim und Martin Dannecker, Autoren eines der gesellschaftlich vielleicht wirkungsvollsten Werke der deutschen Filmgeschichte.

(Film und Diskussion als direkter Download)

📺 Reportage der Woche

Die Story im Ersten: Querdenker
Seit anderthalb Jahren machen die “Querdenker*innen” Schlagzeilen. Wer sind diese Menschen, die in großen Gruppen gegen die Corona-Strategie der Bundesregierung und oft auch gegen ‘das System’ insgesamt demonstrieren?

🥴 Optische Täuschung der Woche

🤦🏼‍♂️WTF-Moment der Woche

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich die Physik von Zuckerbergs Wakeboarding Video komplett verstanden habe.

📊 Visualisierung der Woche

Matt Fyles hat einige atemberaubende Computergrafiken erstellt, die das Innere eines KI-Gehirns zeigen. Ich bin mir sicher, ob es nur ein Zufall ist, aber diese Grafiken sehen den Aufnahmen von Petrischalen verblüffend ähnlich.

Inside an AI brain — Graphcore
(Unter anderem bei Wired und Futurism.)

😩 Enttäuschung der Woche

Skittles haben verschiedene Düfte und verschiedene Farben, aber sie schmecken alle genau gleich.

🤔 Aha!-Moment der Woche

In den 1960ern waren Hefte mit Holocaust-Nazi Pornografie sehr populär. In Israel.

The Shocking History of Banned Holocaust Pornography in Israel
The banning of Nazi-inspired ‘Stalags’ porn in Israel.

(Und auf Wikipedia.)

📺 Interpretation der Woche

Seth Everman hat wahrscheinlich alles, was ich mir jemals von einem Nirvana-Song gewünscht habe in einen Song gepackt. Also, danke Seth.

🎤 Improvisation der Woche

An dieser Stelle möchte ich euch den wunderbaren Paul Wetz vorstellen. Folgt ihm bitte auf Instagram oder TikTok. Er ist sehr toll.

👉🏻 Hinweis der Woche

via @Gedankenshit

💭 Erkenntnis der Woche

„Da dein Gehirn nur eine Maschine ist, die automatisch den Zusatznutzen abgleicht, ist technisch gesehen jede Entscheidung, die du triffst, optimal (sonst hättest du sie nicht getroffen.) Reue ist nur eine Fiktion.“
via @robben4days

🎬 Filmtrailer der Woche

Allen Filmliebhabern dürften zwei Veröffentlichungen nicht entgangen sein: „Limbo“ und Wes Anderson’s „The French Dispatch“. Limbo soll es ab dem 29.07. auch offiziell als Download geben.

🤖 Bot der Woche

Der Magic Realism Bot erzeugt alle 4 Stunden eine magische Geschichte.

🥳 Motivation der Woche

via I told my therapist about you


Vielen Dank fürs Lesen! Genießt das Wochenende.

Bleibt neugierig. Und bleibt gesund. 🖖🏻

— Sebastian


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