Der Eskapist #02/21
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Der Eskapist #02/21

Handtücher, Hölle, Hildmann
Der Eskapist #02/21

Hier ist deine kostenlose Ausgabe von „Der Eskapist“, die wöchentliche Rekapitulation des Zeitgeists, mit Ideen und Denkanstößen zur Wahrheitsfindung und Wirklichkeitsprüfung. Das Format ist noch in der Findungsphase, deshalb fiel die letzte Ausgabe etwas anders aus.


Mensch, wie schnell die Zeit doch vergeht!
Nicht nur beim Fußball, sondern auch im Alltag kann einem das Leben einigermaßen ordentlich reingrätschen. Diese Ausgabe ist deshalb fast vier Wochen liegengeblieben. Und da nur wenige Dinge unbequemer sind, als schreibend den Ereignissen hinterherzulaufen, wird ab der kommenden Ausgabe das Tempo wieder angepasst.

2021 ist bereits zu 48 % vorüber und wenn es überhaupt so etwas wie ein Motto für die ersten beiden Jahre dieser verschwurbelten Dekade gibt, dann stammt es wahrscheinlich aus Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“.

Keine Panik!

Denn egal, wie hoffnungslos eine Situation erscheint, ob – wie in dem Buch beschrieben – Außerirdische die Erde sprengen wollen, weil bedauerlicherweise genau an ihrer Stelle eine interstellare Autobahn gebaut wird oder ob Armin Laschet nun wirklich und allen ernstes der nächste Bundeskanzler werden wird: keine Panik. Und einfach mal lockermachen.

Das könnte einem helfen, mental einigermaßen unbeschadet durch die Krise zu navigieren. Adams’ globale Fangemeinde feiert jährlich am 25.05. den International Towel Day, also den Handtuch-Tag, denn ein Handtuch ist – wie wir ja alle wissen – „so ziemlich das Nützlichste“ und sollte deshalb immer und überall mitgenommen werden. 🤷🏼‍♂️

Für mich ist der zweifellos beste Grund für diese Form des Daseins, dass ich jedes Jahr exakt am selben Tag meinen Geburtstag feiern darf. Danke Mom. Danke Douglas. 🎉

Aber weshalb komme ich auf Douglas Adams? Wenn du noch nie etwas von ihm gelesen haben solltest, dann mach das bitte, bevor die Erde wegen besagtem intergalaktischen Bauprojekt vielleicht doch in naher Zukunft gesprengt wird. Die Kernaussage seiner Bücher ist gegenwärtig und wichtiger denn je:
Nehmen wir uns selbst alle einfach mal nicht so wichtig.

Und eben: keine Panik.

Die Hölle der Debattenkultur.

2020 kroch ein gewisser Fatalismus in die bundesdeutschen Herzen und Hirne. Wie und wann genau das passierte, das kann heute niemand mehr mit Bestimmtheit sagen. Als Ende April dieses Jahres eine Gruppe von Künstlern aus Versehen ein paar ironisch und satirisch gemeinte Videos drehte, mit denen sie die Corona-Politik der Regierung kritisierte, schnellte bei Empörten wie Befürwortern der Aktion gleichermaßen das Erregungsniveau so extrem in die Höhe, dass wohl auch dem allerletzten medienkritischen Beobachter in Deutschland ein Licht aufgegangen sein sollte. Der zumeist mit weniger als mit mehr Vernunft geführte öffentliche Diskurs zu sämtlichen Corona-Angelegenheiten ist kaputt, komplett und unwiederbringlich. Und obwohl es nichts mehr zu retten gab, schlurfte dennoch ein Jan Josef Liefers – einer der Unterstützer der Aktion – los und wurde nicht müde, der Republik immer wieder zu erklären, weshalb er diese als Satire getarnte Kritik an den Lockdownmaßnahmen der Bundesregierung trotzdem für richtig hielt.

Lieber Jan,
es gäbe viele mögliche Formate für eine berechtigte Kritik. In Anbetracht von 90.616 Toten seit Beginn der Pandemie (Stand 24.06.21) ist „Satire“ jedoch mit weitem Abstand das Dümmste davon.
Gruß und Kuss,
Sebastian

Bei all den Hiobsbotschaften des vergangenen Jahres könnte man annehmen, dass die Krise zu einer Art Dauerzustand geworden ist. Ja, das ist sie auch. Und nein, das war nicht immer so. Früher war die Bedeutung des Wortes „Krise“ nämlich etwas verkürzender.

COVID-19 hat die Weltgemeinschaft zu einer „Großen Pause“ gezwungen. Viele Systemfehler der globalisierten Welt sind dadurch offengelegt worden, viele Menschen starben und viele Existenzen wurden in den Abgrund gerissen. Die Pandemie hat jedoch auch positive Entwicklungen angestoßen, z. B. in den Bereichen Transport- und Arbeitsstruktur, die wohl erst in 10 Jahren Realität geworden wären, wenn überhaupt.

Das Ende des Extremnarren?

Nach dem Untertauchen von Attila Hildmann in Deutschland, der vermutlich von jemandem aus den Reihen der Justiz selbst vorzeitig über den erlassenen Haftbefehl informiert wurde, leckten sich die Hildbusters und Anonymous die Finger und trackten Hildmanns Aufenthaltsort in der Türkei. Nun wurden ihm auch noch die Telegram–Kanäle gesperrt. Zunächst, so hieß es, direkt von Google und Apple, was sich später jedoch als Falschmeldung entpuppte. Ein Google–Pressesprecher erklärte, dass dies technisch gar nicht möglich sei. Eine mögliche Erklärung wäre, dass die beiden Tech-Konzerne Druck auf die Entwickler ausübten. Bei einer Nichteinhaltung der Nutzungsbedingungen wäre die Chat-App wohl aus den jeweiligen Stores geflogen. Hildmann rief in seinen Kanälen immer wieder zu Gewalt auf und hielt sich auch mit antisemitischen Tiraden nicht zurück.

Ähnlich wie bei Donald Trump, der von Facebook und Twitter verbannt wurde, kann man diese neue Sperrung nun feiern oder nicht. Dennoch sollte man sich folgende Fragen stellen: Sind solche Zensurmaßnahmen der Tech-Konzerne offensichtliche Entmachtungsanzeichen einer Politik, die von der gegenwärtigen Entwicklung ständig überholten wird? Werden die Nutzungsbedingungen der Tech-Riesen zu einer Art neuem Grundgesetz?

Es gibt natürlich auch noch andere mögliche Erklärungen für die Telegram-Verbannung des Zornpropheten: Vladimir Putin, das fliegende Spagettimonster, Aliens. Kann einem alles Angst machen, aber nach wie vor gilt:
keine Panik!

Weitere Informationen: Welche Pläne EU und US-Regierung verfolgen, um große Tech-Konzerne zu regulieren.

DHH: New US bills to regulate digital markets in America

NY Times: What Congress wants from Big Tech

Zeit: Apple kritisiert, der Digital-Pakt der EU gefährde in seiner aktuellen Form Sicherheit und Datenschutz der Nutzerinnen und Nutzer.

t3n: Große Tech-Konzerne machen Front gegen EU-Pläne für neue Regeln im Digital-Geschäft.

„Entfernung ist nichts, wenn man ein Motiv hat.“
– Jane Austen

Neues auf sherold.blog

The Citizen App is building a paranoid, profitable future.
And to be honest, I have a very bad feeling about this.There is a new kind of social platform gaining momentum and it sneaked under my radar.

(Deutsche Version erscheint demnächst.)

Es gibt eine Theorie, die erklärt, wie Parkinson, Alzheimer, Autismus und Krebs zusammenhängen.
Es gibt eine Theorie, die erklärt, wie Parkinson, Alzheimer, Autismus und Krebs zusammenhängen. Leider ist sie falsch.
Der Feind aus dem Inneren
Was wäre, wenn unsere Staatsorgane und demokratische Institutionen im Stillen von rechtsgerichteten Terrorzellen unterwandert werden würden?

Das lese ich momentan

Rework, by Jason Fried and David Heinemeier Hansson.

Rework
Most business books give you the same old advice: Write a business plan, study the competition, seek investors, yadda yadda. If you’re lo...

Internet-Fundstücke der Woche

🎤Interview der Woche

Herr Drosten, woher kam dieses Virus?
Laborunfall oder Pelztierindustrie? Wo der deutsche Virologe Christian Drosten den Ursprung der Pandemie vermutet. Und seine Antwort auf die wichtigste Frage: Ist diese Pandemie jetzt wirklich vorbei?

🎧 Podcast der Woche

‎„Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?“ auf Apple Podcasts
‎Gesellschaft und Kultur · 2021

Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?
„Einerseits ließe sich locker ein bequemes Leben führen, ohne dass darin jemals Ken Jebsen vorkommt. Andererseits ist der frühere Radiomoderator der vielleicht einflussreichste Verschwörungstheoretiker Deutschlands.“ Und ein exemplarisches Beispiel für ein komplexes Phänomen: „Woher kommt der Verschwörungs-Populismus in Deutschland?“ (Danke an Christian Fahrenbach von den Krautreportern für die Inspiration.)

💌 Newsletter der Woche

Übermedien | Medien besser kritisieren
Medien besser kritisieren.

💭 Inspiration der Woche

Why work doesn’t happen at work
Jason Fried has a radical theory of working: that the office isn’t a good place to do it. He calls out the two main offenders (call them the M&Ms) and offers three suggestions to make the workplace actually work.

🎨 Kunststück der Woche

Pareidolien sind Dinge und Muster, in denen man vermeintliche Gesichter und vertraute Wesen erkennt und nur wenige Menschen beherrschen diese Kunst so großartig, wie @krajamine.

Wenn sie nicht gerade in einer Kinderbadewanne auf dem Dach festklemmt, doodelt sie ihre Geister in so ziemlich alles erdenkliche hinein. Und wem das zu einfach sein sollte: Sie sticht auch wahrscheinlich die irrsten und schönsten Tattoos in diesem Teil des bekannten Universums.

🤦🏼‍♂️WTF-Moment der Woche

Eine 39.000$ Handtasche von Louis Vuitton, die wie ein Flugzeug aussieht.


👉🏻 Demnächst: Wie Social Media und Dauerempörtsein unser Gehirn verändert. Und die Gesellschaft zerstört.

Genieße das Wochenende. Bleib gesund.
Und bleib dir treu.

– Sebastian


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