Der Eskapist 01/22

Von großen Bergen, hässlichen Affen und künstlicher Intelligenz als Attrappe.

Der Eskapist 01/22
„Wenn es schräg wird, werden die Schrägen zu Profis.“ — Hunter S. Thompson

Auf der Schattenseite der Vernunft

Ach, 2021. Weißt du noch, als Inzidenz und Lockdown unsere größten Sorgen waren?

Nun ist 2022 und es ist kaum halb vorbei. Fühlt es sich nicht jetzt schon an, als sei dein persönliches Sorgenkontingent allmählich erschöpft? Vielleicht für das komplette Jahrzehnt? Es ist Krieg in Europa und wir leben in einer heftigen und widersprüchlichen Zeit. Man kann sich einwandfrei als ein stolzes Mitglied dieser Spezies fühlen und gleichzeitig beschämt bis auf den Grund seiner Seele sein. Solidarität und konkrete menschliche Hilfe einerseits und der verstandzersetzende Horror eines Konflikts mitten in Europa andererseits, unmittelbar und absolut.

Nach zwei Jahren Pandemie und globaler Ausnahmesituation (von der Geflüchtetenkatastrophe, der Finanzkrise, der Klimakrise und einer Menge anderer Krisen davor ganz zu schweigen) liegen die Nerven bei den meisten einfach blank. Vielleicht ist auch die Vorstellung, dass es doch endlich mal wieder bergauf gehen müsste, es wieder ruhiger und friedlicher zugehen sollte das, was uns eigentlich fertig macht. Noch eine Hiobsbotschaft? Und dann die Nächste? What the fuck ist bitte schön los mit dieser Welt?

Aber nach der Krise ist vor der Krise. Probleme — egal, ob individuell oder kollektiv erlebt — können nicht gegeneinander aufgewogen werden. Für die Geflüchteten aus Mariupol (oder das, was davon noch übrig ist) ist die Situation schlimm; für die Menschen, die in Deutschland #IchBinArmutsbetroffen sind natürlich auch. Dass das entstandene Leid für Außenstehende nicht davon abhängt, wie vermeintlich einfach oder bequem die jeweiligen Lebensumstände sind, beweist folgendes Sprichwort. Hawaii assoziiert man vielleicht mit Stränden oder Palmen oder Meer, nicht unbedingt mit einer Vielzahl an hohen Bergen. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen hat die Bevölkerung des polynesischen Dreiecks diese Weisheit hervorgebracht:

„Hinter einem großen Berg wartet ein weiterer großer Berg.“

Dieser Pragmatismus ist beeindruckend und vermittelt ein schönes Bild des Lebens: Zunächst wird es ein bisschen schlecht, dann wieder ein bisschen gut, dann wird es richtig scheiße und dann wieder ein bisschen gut und so weiter. Man sieht, es braucht nicht viele Berge, um sich Sorgen zu machen und selbst der kleinste Hügel kann helfen, eine Lösung zu finden und daraus eine Lebensweisheit abzuleiten.

Vielleicht kann man sich von dieser erdenden Redensart ein wenig anstecken lassen. Vielleicht hilft es auch, sich gelegentlich bewusst zu machen, dass nichts in diesem Leben selbstverständlich ist.

Kaffee zu trinken, ist nicht selbstverständlich. Frei zu atmen, ist nicht selbstverständlich. Einen Sonnenaufgang zu erleben, ist nicht selbstverständlich. In Frieden zu leben, ist nicht selbstverständlich. Einen geordneten Stuhlgang zu haben, ist nicht selbstverständlich. Nicht im Feuer der thermonuklearen Totaleskalation zu verdampfen, ist nicht selbstverständlich. Und wenn man Kinder oder komplexe Blütenblätter betrachtet — ganz genau betrachtet und darüber nachdenkt, wie krass das eigentlich alles ist und was für ein Wunder es ist, dass es überhaupt etwas gibt, dann kann man feststellen, dass noch nicht mal das Leben an und für sich selbstverständlich ist.

Und so sitzen wir unter der Sonne der ersten Welt mit unseren Eindrittelproblemen und machen das Beste daraus. Machen wir das, was wir schon immer getan haben: weiter.


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♻️ Wortstoffhof

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Zu jedem.


🗣 Aufgeschnappt

Sie: „Nur das Geld zählt und nicht der Mensch.“
Er: „Nur Menschen zählen Geld.“
Sie: „Das kannste aber nicht in der Schweiz gelernt haben.“
Er: „Reine Ableitung durch Deduktion:
Prämisse 1: Geld wird gezählt.
Prämisse 2: Alle nicht-geldzählenden Wesen sind keine Menschen.
Konklusion: Nur Menschen zählen Geld.“ 💁🏼


🐦 Gezwitscher


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Komm gut ins Wochenende, bleib neugierig und gut eingecremt. Und, ganz wichtig: atmen nicht vergessen. 🖖🏻

— Sebastian


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