Das neue Jetzt
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Das neue Jetzt

In Bezug auf die „Große Pause”
Das neue Jetzt

Das Restaurant neben unserer Wohnung hat zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie die Außenterrasse wieder geöffnet und ich habe eigentlich nie darüber nachgedacht, wie es ist, den einfachen, aber komplexen Geruch einer Menschenmenge wieder zu erlernen.

Es gibt derzeit eigentlich nichts, das besonders auffällig wäre. Die Lockerungen von den restriktiven Maßnahmen des vergangenen Jahres werden in unserem Land langsam umgesetzt. Die Szenen, die sich um mich herum abspielen, während der Sommer allmählich in Gang kommt, sind so, wie sie sind, wie sie einmal waren und wie sie nie wieder sein werden.

Nichts wird jemals wieder so sein, wie es mal war. Das ist eine Binsenweisheit. Natürlich wird niemals wieder irgendetwas so sein, wie es mal war, denn das ist die feine aber gottverdammt fundamentale Trennlinie zwischen den Konzepten von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Was wir eigentlich sagen wollen, besonders in Bezug auf die Zeit vor der Pandemie: Wir werden nicht mehr so naiv, so sorglos, so eskapistisch die dringenden Fragen unserer Zeit von uns weisen können, wie zuvor.

Vor einigen Tagen war ich das erste Mal seit über einem Jahr in einer vollen Markthalle und, meine Fresse, hat sich das nach einem Theaterstück angefühlt. Oder wie die Truman-Show, ausser, dass Truman gleich von der ersten Minute an den Braten riecht. Ungefähr so stelle ich mir Virtual Reality vom Allerfeinsten vor: super real, aber auch überhaupt nicht. Dieses Gefühl, das ich in dieser Markthalle hatte, konnte ich zunächst nicht richtig einordnen. Jetzt verstehe ich es besser.

Das ist eine Art Suspense-Effekt, der in diesen Tagen mitschwingt. Eine unterschwellige Unsicherheit, der die Normalität, die jetzt langsam wieder zum Vorschein kommt, einfärbt und sie beklemmend und trügerisch wirken lässt. Wir haben unser wackliges Kartenhaus wieder aufgebaut. Auf sehr dünnem Eis.

Wenn diese Pandemie als Katalysator für überhaupt irgendetwas dienlich sein kann, dann als einwandfreier Marker, der die Systemfehler einer globalisierten Gesellschaft offenbart hat. Ich behaupte, dass die meisten Menschen in diesem zutiefst verwirrenden 2021 das ständige Unbehagen mit sich herumtragen, dass es so wie es mal war nicht mehr weitergehen kann. Wenn die Wissenschaft recht behält, dann wird die Menschheit vom Corona-Virus aller Voraussicht nach ebenso endemisch begleitet, wie die alljährlichen Grippewellen. Die Realität hat unser Schlaftaumeln noch nicht beendet.

Was gibt es jetzt zu tun? Wie können wir über das neue Jetzt nachdenken? Ein weiterer Sommer mit unsicheren Gefühlen?

Insofern könnte man sagen: Danke, „Große Pause”, für diesen Hinweis. Ich hoffe, wir werden das Beste daraus machen.


„Es gibt Tage, an denen man aufwacht und sofort anfängt, sich Sorgen zu machen. Nichts Bestimmtes ist falsch, es ist nur der Verdacht, dass sich Kräfte im Stillen zusammenschließen und es Ärger geben wird.“