Ein buntes (und trauriges) Denkmal für die Gier und Arroganz einer Industrie
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Ein buntes (und trauriges) Denkmal für die Gier und Arroganz einer Industrie

Ein buntes (und trauriges) Denkmal für die Gier und Arroganz einer Industrie

Und eine Schande für ihre technischen Unterstützer

Solange ich denken kann oder zumindest, solange ich ansatzweise ein Gefühl für moderne künstlerische Fotografie entwickelt habe bin ich ein Fan von großflächigen Monumentalfotos. Speziell solche Aufnahmen, die den Einfluss der Menschen auf die Natur dokumentieren — Michael Wolfs Architecture of Density oder so ziemlich alles von Edward Burtynsky.

Was mich daran immer fasziniert hat, ist diese unerträgliche Spannung. Auf der einen Seite erscheinen diese von Menschenhand erschaffenen Gebilde im Detail betrachtet bekannt und vertraut. Auf der anderen Seite wirken sie in ihrer Skalierung und in ihrem schier hirnsprengendem Ausmaß fremd und verstörend. Ich liebe diesen Gegensatz. Ich liebe kognitive Dissonanzen.

Mein Faible für diese Art der kunstvollen, gesellschaftskritischen Auseinandersetzung geriet in den letzten Jahren allerdings etwas in Vergessenheit. Und als ich eines Morgens mal wieder im Internet unterwegs war, vom The Browser Newsletter zu einem Artikel im Dense Discovery Newsletter wechselte und schlussendlich vor diesem Foto saß, erinnerte ich mich wieder schlagartig daran, wie sehr mich diese Art der Fotografie faszinierte.

Die Frage war: Was siehst du auf diesem Foto? Als Kind der 90er ging ich mit dem Kopf erst mal ganz nah an den Monitor heran. Dann ein Stück zurück. Dann schielte ich leicht.

Nein. Es war kein Stereogramm aus Das Magische Auge.
Und ich konnte keine versteckten Delfine erkennen.

Die Antwort war: Fahrräder.

Tausende und Abertausende nicht mehr genutzter Mietfahrräder. Abgestellt auf einem Platz in China.

Das, meine Freunde, ist die materielle Manifestation von rücksichtslosem Unternehmertum. Was Sie hier sehen, sind die Überreste gescheiterter Bike-Sharing-Systeme. Es ist einer von vielen solcher Fahrradfriedhöfe – dieser hier außerhalb der Stadt Shenyang, China.

Genau das war schon immer ein Aspekt, der mich bei dieser Art von Fotografie beeindruckt hat. Mithilfe der schieren Dimension des Ausmaßes dieser Aufnahmen schafft man es, unser kleines, idiotisches Treiben auf diesem doch recht wunderbaren Planeten richtig zu verorten. Die Unverhältnismäßigkeit bestimmter technischer und wirtschaftlicher Prozesse anzuprangern. Ein öffentliches Bewusstsein über Missstände globalen Ausmaßes zu erzeugen.

Es war immer unklar, wie die Firmen jemals profitabel sein sollten. (…) Die vorherrschende Meinung – die von den Investoren stark vorangetrieben wurde – war, dass die Nutzerdaten und nicht der Service das eigentliche Produkt seien und dass die gesammelten Nutzerdaten zu gezielterer Werbung führen würden. Aber wie so oft brachten diese unklar definierten langfristigen Renditen in der endlosen Zwischenzeit nichts ein. Es gab keinen kurzfristigen Return on Investment für die Unternehmen, um sich über Wasser zu halten, und die kleineren Anbieter begannen in Scharen zu fallen.

Diese Luftaufnahmen zeigen das Ausmaß des Bike-Sharing-Problems in China. Solche Aufnahmen von gigantischen Fahrradfriedhöfen sind repräsentativ als Mahnmal für die sich ständig wiederholende Geschichte menschlicher Gier und Arroganz.

The Rise and Fall of China’s Cycling Empires
China’s bike-sharing firms were supposed to be the next big thing. What happened?
Graveyard of the bikes: Aerial photos of China’s failed share-cycle scheme show mountains of damaged bikes
Low cost-shared bikes burst onto Chinese streets in the middle of the last decade.. Read more at straitstimes.com.