Besser bewerten

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Photo by Taylor Deas-Melesh / Unsplash

All die tausend kleinen Verletzungen, die an uns selbst gerichteten negativen Appelle, Selbstbeschuldigungen, Verurteilungen — das, was man sich den ganzen Tag über selbst erzählt: Das sind die Pissnelken in unserem Geist. Sie haben einen Namen. Und sie sind gefährlich.

“Natürlich passiert das MIR.”
“Du bist so dumm.”
“Warum stell ich mich so an?”
“Das ist doch peinlich.”
“Kein Wunder mit dem Gesicht.”
“Ich bin so fett.”

Das alles sind mentale Selbstverstümmelungen. Harte Urteile. Sie können zu einer sehr ungesunden Angewohnheit werden.

Die meisten dieser Statements haben wir so verinnerlicht, dass sie unter unserem Radar ablaufen. Sie sind ständig da und kompromittieren unterschwellig jede unserer Handlungen und Entscheidungen. Sie erzeugen Traurigkeit und Resignation. Das ist tragisch.

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In der Psychologie und Verhaltensforschung bezeichnet man das, was man still und heimlich in seinem Kopf den ganzen Tag über an sich selbst richtet als Affirmationen — kognitive Zuordnungen mit einer wertenden Eigenschaft. Glaubenssätze. Davon gibt es positive und negative.

Über positive Affirmationen wird viel diskutiert. Sie können helfen, Dinge zielgerichteter zu erreichen und zufriedener mit sich selbst zu werden. @utopia hat hierzu eine gute Übersicht veröffentlicht.

Positive Affirmationen: So verhilfst du dir zu Motivation und Selbstbewusstsein
Positive Affirmationen können dir zu mehr Selbstvertrauen und einer positiven Einstellung verhelfen. Ob das wissenschaftlich belegt ist und wie du positive Affirmationen anwendest, erfährst du hier.

Negative Affirmationen sind die dunkle Seite der Macht. Solche Etikettierungen schaffen den perfekten Nährboden für negative Gedankenspiralen und Depression. Sie erzeugen eine zerstörerische Gesamtwahrnehmung: nutzlos, minderwertig, schlecht, Versager.

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Weshalb urteilst du so hart über dich selbst? Würdest du die Kritik, die du an dich selbst richtest auf diese Art und Weise auch zu einem guten Freund oder Freundin sagen?

Unsere Identität, unsere Geschichte, wird durch das geschaffen, was wir wiederholen. Sie wird zu dem, was wir glauben. Deshalb sehe ich in der Verbindung “Sprache ist Denken” einen unglaublich wichtigen Zusammenhang.

Achte in den kommenden Tage darauf, wenn du dich selbst wegen einer Sache verurteilst oder für etwas unverhältnismäßig kritisierst. Denke dabei nicht: “Ach, das darf ich ja jetzt nicht denken.” (Weil dann denkst du es erst recht). Bemerke diese Bewertungen einfach.

Wenn es dir schwerfällt, diesen Moment bewusst wahrzunehmen: Gehe von einem negativen Gefühl aus rückwärts. Du fühlst dich plötzlich schlecht, scheinbar ohne Grund? Was war das letzte, das du zu dir selbst gesagt hast?

Am Anfang geht es nicht darum, einen Gedanken künstlich verändern zu wollen. Es reicht erstmal, nur zu bemerken, dass du diese negativen Bewertungen an dich richtest. 🌱

Wenn es dir hilft und der Moment sehr hektisch ist, kannst du diese negativen Urteile auch auf ein Blatt Papier schreiben oder sie in deinem Handy notieren. (Ich habe das zwei Wochen lang gemacht. Es entstand eine erschreckend lange Liste.)

Ich denke, wenn wir es schaffen wollen, dass uns dieser Laden nicht komplett um die Ohren fliegt und wir die Unfähigkeit, friedvoll miteinander zu kommunizieren überwinden wollen, wir uns zuerst damit auseinander setzen müssen, wie wir mit uns selbst kommunizieren.

Man könnte lange darüber sprechen, was diesen Mangel an Selbstwertgefühl in unserer Gesellschaft begünstigt. Eines ist jedoch sicher: Empathie zu anderen setzt Empathie zu uns selbst voraus. 💯

“Ich traue Menschen nicht, die sich selbst nicht lieben und mir sagen: “Ich liebe dich”. Es gibt ein afrikanisches Sprichwort, das lautet: Sei vorsichtig, wenn eine nackte Person dir ein Hemd anbietet.” — Maya Angelou, afroamerikanische Dichterin

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